Helmut Frommer: 1950 - ein schwäbisches Dorf.

Fotos von Hermann Bizer. Silberburg-Verlag Tübingen 2005.172 Seiten, 111 farbige Abbildungen, fester Einband. Euro 19,90. ISBN 3-87407-660-1
1950 gab es in Württemberg noch weit mehr als tausend schwäbische Dörfer, und das hier beschriebene heißt Isingen, heute ein Stadtteil von Rosenfeld auf dem Kleinen Heuberg unweit von Balingen. Dank dieser Publikation ist diese Gemeinde wohl die am besten dargestellte im Land, denn 1983 erschien das Buch Vom Leben auf dem Lande: Isingen 1910 von Max Frommer, dem Vater des Autors. Sie beide stammen aus dem Ort, haben aber als Pädagogen an anderen Schulen gewirkt.
Isingen zählte damals 530 Einwohner, die bis auf drei Katholiken alle evangelisch waren, da die Gemeinde altwürttembergisch ist. In den 112 Gebäuden mit 183 Wohnpartien waren auch 82 Heimatvertriebene untergebracht. Die soziale Verteilung ergab ein Drittel Handwerker und Industriearbeiter, die ihre kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb bewirtschafteten, und zwei Drittel Bauern, insgesamt 78 Betriebe mit 5-20 Hektar. Jeder zweite hatte ein oder zwei Pferde, die anderen spannten ihre Kühe vor den Wagen und notfalls auch vor den Pflug. Die christlich-konservative Gemeinschaft war im bäuerlichen Bereich in 2-Ross-Bauern, 1-Ross-Bauern, Kuhbauern und Nebenerwerbslandwirte gegliedert. Im Normalfall hatte jeder Bauer 4-5 Kühe im Stall, ferner zwei Schweine und etliche Hühner. Der Jahreslauf und die erforderlichen Arbeiten in Feld und Flur bestimmten den Rhythmus des Dorfes.
Der Rezensent hat diese Art des alltäglichen Lebens noch selbst erlebt und ist fasziniert von dieser Einzeldarstellung, die durchaus repräsentativ für die Zeit um 1950 ist. Wenn noch eine Mühle geschildert und ein Imker vorgestellt worden wäre, so fehlte wirklich kein Bereich im Dorf jener Zeit. Es ging damals noch recht einfach und bescheiden zu. In der Hauswirtschaft musste man sich mit einem Wasserhahn über der Spüle begnügen, beim Wäschewaschen war schon ein kleiner Fortschritt zu verzeichnen: Im Waschkessel rotierte in einigen Häusern ein durch Wasser oder Strom betriebenes Drehkreuz aus Holz. Geflickt wurde die Leib- und Bettwäsche, solange es irgend ging. Bettlaken, die durch lange Benutzung in der Mitte "blöd" waren, das heißt so dünn, dass sie durchsichtig wurden, stürzte man, indem man sie in der Mitte auseinanderschnitt und an den bisher äußeren Enden wieder zusammennähte. Sparsamkeit nicht aus Eigentrieb, sondern aus purer Notwendigkeit.
Die Landwirtschaft nimmt natürlich einen großen Platz ein. Wir werden unterrichtet über die verschiedenen Formen, einen Acker mit dem von Hand geführten Pflug zu bearbeiten. Wir werden daran erinnert, dass ein schwäbischer Bauer die Dreckstollen, die aus den Hufen der Pferde auf die Feldwege fallen, aufgehoben und auf den Acker zurückgeworfen hat. Getreideernte und Dreschen, Heuet und Öhmd - wer von den Jungen kennt noch den Begriff? -, das Ernten von Obst, Rüben und Kartoffeln. Nicht zu vergessen das Holzmachen für den Winter. Für das Einfahren des Getreides waren mindestens vier Personen erforderlich: ein Kind, das während des Ladens bei den Pferden war und dafür sorgte, dass sie ruhig blieben und sich nur auf Kommando vorwärts bewegten, ein Erwachsener, der die Garben auf den Wagen reichte, ein anderer, der auf dem Wagen das richtige Laden besorgte, und schließlich meist eine Frau, die nachrechte. Wobei man genügend Ähren liegen ließ, die von Bedürftigen aufgelesen wurden.
Der Drei-Generationen-Haushalt war die Regel, im Bauernhaus hatte jeder von der Geburt bis zum Tod seinen geachteten Platz. Die Erziehung war autoritär, sexuelle Aufklärung geschah durch die Beobachtung der tierischen Vermehrung. Zärtlichkeiten konnten eigentlich nur Kleinkinder erwarten, es gab aber solche auch bei Verlobungen und Hochzeiten. An 5onn- und Feiertagen galt absolute Arbeitsruhe, am Karfreitag sogar ein Beschäftigungsverbot; die Kinder durften nicht einmal Schwarzer Peter spielen.
Dieses Buch bezieht seinen besonderen Reiz und Wert durch die über hundert Farbdias, die der Rosenfelder Realschullehrer Hermann Bizer (1904-1964) aufgenommen hat. Er hatte einen Blick für das Typische, auch wenn es nicht ins Auge sprang wie etwa ein Hochzeitszug. Dafür spaltet auf einem anderen Foto der Ahne, der Großvater also, das Holz. Die Aufnahmen von Hermann Bizer sind gekonnt und authentisch und begründen neben dem Text den dokumentarischen Rang dieses Werks.
(Martin Blümcke)
