Annegret Kehrbaum: Die Nabis und die Beuroner Kunst.

Jan/Willibrord Verkades Aichhaldener Wandgemälde (1906) und die Rezeption der Beuroner Kunst durch die Gauguin-Nachfolger
(Studien zur Kunstgeschichte Band 168)
OLMS Verlag Hildesheim, 2006.
770 Seiten. Broschiert, mit 227 SW- und 8 Farbabbildungen,
98,- Euro, ISBN 978-3-487-13056-9
Nichts ist der Kunstwissenschaft seit dem 20. Jahrhundert so wertvoll, wie in den Bestrebungen der klassischen Moderne und ihrer Nachfolgeströmungen den subjektivistischen, stilbildenden Avantgarde-Pionier als herausragenden Künstlertypus hervorzuheben. Allen anderen droht der Fall durchs bewährte, gleichwohl nicht überall greifende Raster. Einem von diesen widmet sich Annegret Kehrbaum in ihrer Dissertationsschrift Die Nabis und die Beuroner Kunstschule: dem Malermönch Pater Willibrord Jan Verkade. 1868 in Holland geboren, aus mennonitischem Elternhaus, konvertiert er nach (abgebrochenem) Akademiestudium in Amsterdam und dem Anschluss an die Künstlergruppe Nabis 1892 als 23jähriger zum Katholizismus. Er tritt 1894 als Oblate (Laienbruder) in die Benediktiner-Erzabtei Beuron ein. Ab 1896 folgen Postulat und Noviziat, ehe er 1898 die Gelübde ablegt. 1902 empfängt er die Priesterweihe. Er arbeitet in der Beuroner Kunstschule unter anderem in Monte Cassino und Palästina. Während des Ersten Weltkrieges entscheidet sich P. Willibrord Verkade, das Malen aufzugeben und arbeitet fortan als Schriftsteller, Übersetzer, Cellerar (Klosterverwalter), Gastpater und phasenweise als Gemeindeseelsorger. Er stirbt 1946 in Beuron.
Neben einer Einführung besteht die Untersuchung aus vier Hauptteilen: Die Ausmalung der St. Michaelskirche in Aichhalden (A), Die Nabis und die Beuroner Kunst (B), Verkade als Nabi und Beuroner Malermönch (C) sowie Monumentalität und Empfindung: Verkades Konzept in Aichhalden (D). Annegret Kehrbaum gelingt es trotz der akademischen Zweckschriftlichkeit eine angenehm lesbare Studie vorzulegen, die nicht nur Einblicke in das Schaffen Verkades, sondern auch in die Gruppe der Nabis, in die Beuroner Kunstschule und in die damit verbundenen Wechselwirkungen bietet.
Die oft heraufbeschworene Synthese von Kunst und Leben in der (frühen) Moderne bleibt in aller Regel im Profanen verhaftet. Annegret Kehrbaum wendet sich einem Schaffensansatz zu, der die Freiheit der Kunst in der Einheit von Kunst und Sakralität sucht. Entscheidend ist hier nicht nur die ideale Rolle der Wandmalerei als eine zweckorientierte Kunst, sondern auch das Spannungsfeld von Künstler- und Mönchtum. Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen Verkades Wandgemälde in der Aichhaldener St. Michaelskirche, die 1906 entstanden. Sein Opus nährt sich im wesentlichen aus der Auseinandersetzung mit dem (gauguinschen) Symbolismus, dem Wirken der Nabis um Maurice Denis und Paul Sérusier sowie der Subordination in die Beuroner Kunstschule um die Patres Desiderius Peter Lenz, Gabriel Jakob Wüger und Paulus Adolf Krebs.
Die Analyse der Wandmalereien muss notwendigerweise mit der Ausstattungsgeschichte der Aichhaldener St.-Michaels-Kirche beginnen. Denn trotz der erst 100jährigen Geschichte von Verkades Wirken vor Ort erlebte die Ausmalung - bedingt durch Mängel in der Bausubstanz, Schimmelbefall und Modernisierung (so wurden in den 1960er Jahren ästhetische Eingriffe genannt) erhebliche Zerstörungen durch Übermalungen. Mangels Existenz der Farbfotografie ist auch die ursprüngliche Ausmalung durch Verkade nicht vollständig dokumentiert. Kritisches Hinterfragen führt hier auch zur umfassenden Dokumentation. Das Buch zeigt nicht nur die Einflüsse in und um Verkade durch das theosophisch-mystische Programm der Nabis und die formal-kanonistische Strenge der Beuroner Kunstschule (im Sinne einer lebendigen Geometrie) auf, sondern auch die Rückstrahlung der Beuroner Künstlermönche auf die Entwicklungen der modernen Kunst, wie Sie sich beispielweise in den Münchner Aufenthalten Verkades im Atelier von Alexej von Jawlensky und im Briefwechsel der beiden ausdrückt. Ebenso kommt die Einbettung in das christliche Kulturerbe wie der Kunst der Ostkirche ausführlich zur Besprechung. Im Zentrum der Arbeit Verkades steht der Versuch, einerseits die traditionellen Formen der Christus-, Engels- und Heiligendarstellungen in den Kanon der Beuroner Kunstschule zu adaptieren und gleichzeitig sein Ansinnen, das Seelenleben in der Natur (und nicht ausschließlich in Maß und Zahl) aufzuzeigen. Dieser - nicht nur intellektuelle - Konflikt spiegelt sich in Aichhalden in den Heiligendarstellungen und wird in der Untersuchung als Konzept aus Monumentalität und Empfindung identifiziert. Verkade lehnte sich an die damaligen Dorfbewohner an, die er während seines Aufenthaltes zeichnete und deren Portraits in die Heiligenfiguren einfließen ließ. Die Zeichnungen sind in großer Anzahl abgebildet und stellen den Schlüssel zum Erkennen des Eigenen Verkades in den Entwürfen von Pater Paulus Adolf Krebs dar.
Einen Teil widmet Frau Kehrbaum der Entwicklung Verkades im Spannungsfeld von Mönchtum, eigenem Kunstwollen und dem zunehmenden ästhetisch-theoretischen Konflikt mit Pater Desiderius Lenz. Aus bisher nicht veröffentlichten Briefen und Tagebüchern Verkades aus dem Beuroner Archiv, die in Auszügen zitiert und interpretiert werden, erhält der Leser auch Einblick in die (Kunst-)Geschichte der Erzabtei und das Verhältnis eines Monastisch-Geweihten zu seiner eigenen Kunstliebe. Ein gleichermaßen komplexes wie notwendiges Buch, das die gesamteuropäischen Bezüge des Wirkens der Beuroner Malermönche und Pater Willibrord Jan Verkades um so mehr festhält, als viele seiner Arbeiten zerstört oder verschollen sind oder ihnen der Zerfall droht.
Sämtliche Reproduktionen befinden sich leider in einem Abbildungsverzeichnis am Ende des Buches, was gerade hinsichtlich der hohen Anzahl an Schwarz-Weiß-Abbildungen als nicht notwendig erscheint und den Leser zu häufigem Hin- und Herblättern zwingt. Ebenso wünschenswert wäre gewesen, dass wenigstens sämtliche Aichhaldener Wandmalereien in Farbe reproduziert worden wären.
