Karin Stober: Denkmalpflege zwischen künstlerischem Anspruch und Baupraxis.
Über den Umgang mit Klosteranlagen nach der Säkularisation in Baden und Württemberg. (Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B, Band 152).
W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2003. 367 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Kartoniert 32.- Euro, ISBN 3-17-017844-X
Die kunsthistorische Dissertation geht der Frage nach, wie die nach der Säkularisation neu gebildeten Staaten im deutschen Südwesten über zwei Jahrhunderte mit dem ihnen zugefallenen Klostererbe umgegangen sind. Über zweihundert Standorte wurden im untersuchten Gebiet aufgelöst, vier dieser klösterlichen Anlagen gelten der Studie als repräsentativ: Maulbronn, LichtenthaI, Allerheiligen und Ochsenhausen. Hier das Weltkulturerbe Maulbronn, schon im 16. Jahrhundert evangelisch geworden, dort LichtenthaI mit seiner ungebrochenen klösterlichen Tradition. Mystisch prangt Kloster Allerheiligen als Pilgerort der Ruinenromantiker, schwer und stolz ruht Ochsenhausen als barocke Großanlage mit seinen vielen weltlichen Funktionen. Die Einzeldarstellungen seien, so die Autorin, essayartig abgefasst. Anschaulich wird erläutert, wie die weltanschaulichen Metamorphosen der Gesellschaft stetig neue Ansprüche generierten, die sich baulich an den Denkmälern niederschlugen. Den vier großen Einzelanalysen vorangestellt wird die Geschichte der sich im 19. Jahrhundert formierenden badischen und württembergischen Denkmalpflege erzählt. Dieser abgeschlossene Teil schließt mit der kühnen Behauptung, dass Denkmalpflege den besprochenen Denkmalen insgesamt wohl eher geschadet als genutzt habe.
Jene vier als beispielhaft ausgesuchte Klosteranlagen analysiert Stober in ihrer Baugeschichte, belegt romantisierende Rekonstruktionen und diskutiert die resultierenden architektonischen Gemengelagen. Da Maulbronn früh den Status eines schützenswerten Baudenkmals erreichte, sei es in Schicksalsgenossenschaft mit Bebenhausen, Lorch, Klosterreichenbach und Alpirsbach vereint. Jenes als fürstliche Grablege bedeutsame LichtenthaI sei fortlaufend geschichtsdeutenden und propagandistisch motivierten Veränderungen ausgesetzt gewesen und damit vergleichbar mit Tennenbach und St. Blasien. Jenem zunächst als Fabrik genutzten Kloster Allerheiligen wurde erst als gänzlich ruinierte Anlage andächtige Wertschätzung zuteil. Im Kloster St. Blasien sei ebenfalls, wie auch im Kloster Frauenalb, eine Maschinenfabrik ansässig gewesen. Mit der berühmten Ruine Allerheiligen teilten Hirsau und Herrenalb die emotionale Überhöhung zum "Seelenspiegel" der Ruinenromantik. Abschließend setzt die Autorin Kloster Ochsenhausen als kolossale barocke Anlage in Analogie zu Salem, Zwiefalten, Schussenried und Beuron. Denn bei den genannten Anlagen handle es sich um Großimmobilien, die nach der Verweltlichung zunächst auch als weltliche Residenzen fungierten.
Die Erhaltung klösterlicher Baudenkmale sei, wie Stober richtig diagnostiziert, immer auch eine Geschichte ihrer Nutzung. Denn um erhalten zu bleiben - eine Binsenweisheit der Denkmalpflege -, müssen Objekte genutzt werden. Die Nutzung sollte jedoch, so fordert die Autorin, nachhaltig sein und sich am Erhalt der Bauwerke orientieren. Eine eingehende Beschäftigung mit der übergreifenden Geschichtlichkeit von Baudenkmalen sei deshalb nicht nur von Bau- und Kunsthistorikern, sondern auch von Architekten, Eigentümern und Nutzern zu wünschen. Neben diesem gut gemeinten moralischen Imperativ bietet das Buch eine anregende Beispielsammlung denkmalpflegerischen HandeIns am Objekt Kloster. Zutaten und Reproduktionen der historischen Denkmalpflege waren freilich, so lässt sich an manchen Stellen einwenden, immer als Bestandteil der Kulturdenkmale gedacht und werden auch heute noch so behandelt. Insgesamt erscheint der Denkmalbegriff, der der Arbeit zu Grunde liegt, eigentümlich unhistorisch. Wann ist ein Denkmal baulich abgeschlossen? Gibt es überhaupt Authentizität, und wo findet man sie, wenn nicht am konkret vorgefundenen Baudenkmal? Auch die moderne Denkmalpflege kann und darf hier stets nur fallbezogene Antworten geben. Der Leser sieht sich mit dieser auch aus ungedruckten Quellen schöpfenden Arbeit gleichwohl reich beschenkt und hält ein wertvolles Kompendium zur Baugeschichte von vier hochrangigen Klosteranlagen in den Händen.
(Clemens Kieser)
