Faszination Blautopf. Vorstoß in unbekannte Höhlenwelten.
Arbeitsgemeinschaft Blautopf (Hg.). Jan Thorbecke Verlag Ostfildern 2009. 144 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Hardcover € 24,90. ISBN 978-3-7995-0831-5

Bei Blaubeuren im Urdonautal liegt eine der faszinierendsten Höhlen in Deutschland, die Blautopfhöhle. Steht man am Quelltopf der Blau, deren Wasser durch seine tiefblaue Farbe beeindruckt, so glaubt man nicht, welch phantastische Welt einem nur wenige Meter entfernt, im Berg verborgen, bleibt. Sie zu erleben und zu erforschen bleibt nur wenigen spezialisierten und talentierten Menschen, den Höhlentauchern, vorbehalten. Es ist eine lebensfeindliche, einsame und verlassene Welt, deren Erkundung unwägbare Risiken birgt. Eines der letzten Abenteuer, direkt vor unserer Haustüre.
Das Buch, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft Blautopf, beschreibt die Erforschung des Blautopfs seit den Anfängen in den 1950er-Jahren bis heute. Es besticht unter anderem durch seine brillanten Farbfotos, von denen viele in diesem Buch erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die zahlreichen packenden Berichte zu den Tauchfahrten und den Neuentdeckungen machen das Buch aber auch zu einer höchst spannenden Lektüre.
Das Buch beginnt mit einem literarischen Überblick zum Blautopf. Man vermutet, dass der Blautopf bereits lange vor Christi Geburt als Kultstätte benutzt wurde. Zur Mystifizierung des Ortes beigetragen hat in erster Linie Eduard Mörikes Historie von der schönen Lau, eingebettet in die Hauptgeschichte des Stuttgarter Hutzelmännleins. Es folgen Kapitel zur Geologie und Landschaftsgeschichte des Blaubeurer Tals sowie über die archäologischen Funde aus dem Blautopf. Herausragend war der Fund zweier Eisenschwerter aus dem frühen Mittelalter bzw. aus der keltischen La-Tène-Zeit (5.-1. Jahrhundert v. Chr.).
Breiter Raum wird der Erforschung des Blautopfs eingeräumt. Die Faszination des Blautopfs drückte sich immer wieder dadurch aus, die unergründliche Tiefe der Quelle auszuloten. Auf die Versuche König Ferdinands im 16. Jahrhundert, die Tiefe mit einer an einer Schnur angebrachten schweren Kugel festzustellen, wird sogar in der Zimmerschen Chronik hingewiesen. Der erste Tauchversuch fand 1880 durch einen nicht namentlich bekannten Taucher statt. Tauchgänge in den 1950er-Jahren brachten erste Ergebnisse über die Beschaffenheit des Quelltrichters und der schmalen Felsspalte, aus der das Wasser aus dem Fels tritt. Jochen Hasenmayer, dem die Blautopfforschung große Fortschritte verdankt, begann in den 1960er-Jahren mit seinen Expeditionen. Er war es, der 1985 in einem neunstündigen Tauchgang nach 1250 m erstmals im Mörikedom auftauchte, dem bis zu diesem Zeitpunkt größten Höhlenraum der Schwäbischen Alb.
Mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Blautopf beginnt die wissenschaftlich geprägte Höhlenforschung im Blautopf. Höhlenforschern der Arbeitsgemeinschaft gelingt es, die trockene Fortsetzung der Blautopfhöhle zu finden. Längst gehören Tauchscooter, ausgeklügelte Tauchgeräte und fest installierte Biwaks zum Equipment längerer Tauchfahrten. Im Herbst 2006 gelingt eine Sensation. Forscher der Arbeitsgemeinschaft entdecken über dem Wolkenschloss die Verbindung der Blautopfhöhle mit der Vetterhöhle. Damit besitzt die Blautopfhöhle einen zweiten trockenen Zugang. Der vorerst letzte Meilenstein in der Erforschung der Blautopfhöhle ist die Entdeckung eines Ganges, der bis knapp unter die Erdoberfläche nahe der Bundesstraße 28 reicht. Diese Entdeckung, so die Autoren, bietet neue Perspektiven in der Erforschung der Höhle, weil man auf diesem Weg trockenen Fußes die hinteren Teile der Höhle erforschen könne. Weiterhin böte sich nun die Erschließung der Höhle als Schauhöhle an. Diese Option sehen die Autoren mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits wolle man Besuchern die Schönheit der Höhle nicht vorenthalten, andererseits sei man aber auch dem Höhlenschutz verpflichtet.
Mit einer Gesamtlänge von 6 543 m ist das Blauhöhlensystem die längste Höhle der Schwäbischen Alb. Die Forschungen in der Blautopfhöhle gehen weiter. Ein Ende ist nicht abzusehen. Über die weiteren Entdeckungen der Arbeitsgemeinschaft Blautopf darf man gespannt sein.
Im nun folgenden Kapitel wird das Blauhöhlensystem von der Quelle bis zum (vorläufigen?) Ende beschrieben. Die einzelnen Exkursionen und Höhlenabschnitte werden durch beeindruckende Bilder und detaillierte Höhlenpläne ergänzt. Die Expeditionsberichte sind spannend erzählt und berichten über Hochgefühle und Niederlagen, aber auch über die Gefahren, denen die Forscher ausgesetzt sind. Das Buch schließt mit Kapiteln zur Höhlenvermessung, Höhlenforschung, Höhlenentstehung, der Tierwelt im Blautopf sowie der Tauchtechnik. Kurzum. Der Inhalt des Buches hält, was der Titel verspricht. Es ist eine gelungene Beschreibung des Blautopfs und seiner Erforschung. Ein Buch, das auch den nicht höhlenkundlich Interessierten begeistern dürfte.
Siegfried Roth
