Beate Schmid: BauArchäologie im Ravensburger Humpisquartier.

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Beate Schmid: BauArchäologie im Ravensburger Humpisquartier.

Forschungsergebnisse zur Entwicklung eines städtischen Kleinquartiers. Materialhefte zur Archäologie in Baden-Württemberg, Heft 87, hrsg. vom Regierungspräsidium Stuttgart, Landesamt für Denkmalpflege. 256 Seiten mit zahlreichen Abbildungen und 11 Beilagen. Konrad Theiss Verlag Stuttgart 2009. Broschiert € 40,–. ISBN 978-3-8062-2347-7

Titelblatt

Ravensburg ist einer der Schwerpunkte der Mittelalterarchäologie im Land. Mehr als 20 Ausgrabungen haben dort schon stattgefunden, meist auf kleinen Flächen. Zwischen 2000 und 2006 galt das Interesse einem Kleinquartier zwischen Marktstraße und Rossbach, dem Humpisquartier.

Es umfasst acht Gebäude und einen Innenhof, in dem Spuren der hochmittelalterlichen Vergangenheit gesucht wurden. Denn das Humpisquartier liegt in der Kernstadt, nahe dem Oberen Tor. Seinen Namen hat es von dem dort residierenden Mitgründer der berühmten Großen Ravensburger Handelsgesellschaft, Henggi Humpis (1349–1429), aus dem gleichnamigen Ravensburger Patriziergeschlecht. Die Humpis, der Name soll sich von Hundebiß herleiten, im Wappen führen sie dazu passend drei Hunde, kommen aus der welfischen Ministerialität.

Im Humpisquartier, über das schon mehrfach berichtet wurde, ist ein Museum eingerichtet worden. Da die Gebäude teilweise noch aus dem Hoch- und Spätmittelalter stammen, musste die Technik im Innenhof untergebracht werden. Das rief die Archäologen auf den Plan. Beate Schmid, Tübinger Mittelalterarchäologin in der Nachfolge von Erhard Schmidt, leitete die Ausgrabungen auf der 12 x 13 m großen Hoffläche und, wo möglich, unter den stehenden Gebäuden. Sie gestalteten sich sehr schwierig und mühsam, da mit Rücksicht auf die Statik der Häuser nur kleine Flächen aufgedeckt werden durften und keinesfalls alle Bereiche.

Trotz dieser erheblichen Einschränkungen hat die Archäologin gute Ergebnisse erzielt und konnte die Besiedelung bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgen, als Ravensburg das Suburbium zum Welfensitz auf der Veitsburg wurde. Beate Schmid hat dabei die Erkenntnisse der Baudenkmalforscher bestätigt, in entscheidenden Teilen aber auch korrigiert. So ist der orthografisch merkwürdige Titel «BauArchäologie» zu verstehen. Im Innenhof des Quartiers stieß sie auf Spuren von vier Häusern, deren ältestes (Haus 1), ein freistehender Sechs- Pfosten-Bau, noch im 11. Jahrhundert errichtet wurde und schon bald einen Leder verarbeitenden Handwerker (Schuster?) beherbergte. Die Lage in der Nähe des Rossbachs, wie der Flappach in der Altstadt genannt wird, und der damals etwas weiter südlich floss, ist einerseits typisch, denn die Handwerker, die ihr Leder noch selbst gerbten, benötigten fließendes Wasser. Andererseits ist es ungewöhnlich, denn die Lederherstellung war mit Wasserverschmutzung und Gestank verbunden, sodass man dieses Gewerbe lieber außerhalb der Siedlung und auch nicht am Oberlauf eines Baches ansiedelte. Nach einem verheerenden Hochwasser wieder repariert, ist Haus 1 erst in der Mitte des 12. Jahrhunderts abgebrochen worden. «Nachfolger» wird ein Steinhaus, das den Kernbau des Hauses Marktstraße 45 bildet. Noch etwas älter ist das Haus Humpisstraße 1. Aus den Gebäuden in der Markt- und der Humpisstraße dürften wohl die Zeugnisse hervorgehobenen Wohnens, Ofenkacheln und Fensterglas, stammen. Stück für Stück haben sich die Archäologen durch vier Hofpflasterungen in die Tiefe gearbeitet, wobei die Mehrzahl und die interessantesten Funde aus dem 11. bis 14. Jahrhundert (den Bauphasen 1 bis 3) stammen.

Haus für Haus legt Schmid die Funde und Befunde vor und ermöglicht dabei Korrekturen bis ins 15. Jahrhundert hinein. Die Darstellung reicht bis zur Gegenwart und spiegelt die Geschichte, namentlich die großen Veränderungen nach dem Dreißigjährigen Krieg. Der Besitz wird aufgeteilt, und wieder ziehen Handwerker ins Quartier. Dabei wird auch der ungewöhnliche «Lebenslauf» der Gebäude deutlich: Gerberei und Brauerei, Metzgerei und Pferdestall, Wirtschaft und jetzt Museum. In einem eigenen Beitrag fügt Stefan Uhl neue Erkenntnisse aus der Sicht der Bauforschung an. Manfred Rösch untersucht die Pflanzenreste aus dem mittelalterlichen Humpisquartier und Beate Falk beschäftigt sich mit einem Schiefertäfelchen aus dem 16. Jahrhundert. Eine interessante Lektüre, nicht nur für die Ravensburger.

Dieter Kapff