Inszeniertes Glück. Die erneuerte Stuttgarter Altstadt 1909.

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Inszeniertes Glück. Die erneuerte Stuttgarter Altstadt 1909.

Titelblatt

Mit Beiträgen von Bernd Langner, Michael Kienzle, Herbert Medek. Hrsg. von der Stiftung Geißstraße 7. Karl Krämer Verlag Stuttgart 2009. 72 Seiten mit vielen Abbildungen. Broschur 9,80 Euro. ISBN 978-3782813198

Eine «Wohnungs-Enquete» des «Stuttgarter Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen» ergab 1887 für die Wohnverhältnisse in der Stuttgarter Altstadt ein katastrophales Ergebnis. Die Befragung war in den ärmeren Schichten durchgeführt worden. Von 4000 ausgegebenen Fragebögen kamen 1331 ausreichend ausgefüllt zurück. Die betreffenden 1331 Wohnungen, in denen 5048 Personen lebten, besaßen zu rund 60% nur ein Zimmer, nur ein Viertel der Wohnungen besaß eine separate Küche, nur 7% der Einzimmerwohnungen eine Kochstelle, 83% der Wohnungen keine eigene Toilette. Die Wohnungen waren meist feucht, dunkel, schlecht durchlüftet, mit verfaulten Böden und Wänden versehen. Für die 5048 Bewohner standen nur 3317 Betten zur Verfügung. In der Altstadt grassierte die Tuberkulose, das Viertel war rattenversucht, die Sterblichkeit enorm hoch.

Die Stadtverwaltung zählte bis zum Ersten Weltkrieg die Schaffung lebenswerten Wohnraums nicht zu ihren Aufgaben. Es blieb einer Privatinitiative, dem großen Bankier und Mäzen Eduard Pfeiffer und dem von ihm gegründeten Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen überlassen, neben anderen Großtaten wohnraumschaffenden bürgerlichen Mäzenatentums das Bild eines wesentlichen Teils des mittelalterlichen Stuttgart von Grund auf umzugestalten – und dabei in historisierender Form so zu erhalten, dass es bis heute zu den auch nach Geschäftsschluss noch frequentierten, von den Bürgern angenommenen Stadtquartieren zählt, deren es so viele nicht gibt.

Die unter der Führung des Pfeifferschen Vereins vorgenommene Sanierung hat nicht weniger als einen Totalabriss des Quartiers unternommen, dabei jedoch die Straßenführung erhalten, aber durchgehend großzügiger gestaltet. Anstelle der 83 abgerissenen Gebäude entstanden nur 33 neue, und doch vermag das neue Viertel um den Hans-im-Glück-Brunnen, erstellt anstelle eines verelendeten, verkommenen Areals, das Flair eines historisch gewachsenen, schon eh und je prosperierenden Viertels evozieren.

Der Autor Bernd Langner deckt in dem zum 100-jährigen Jubiläum der Brunneneinweihung von der «Stiftung Geißstraße 7» herausgegebenen Bändchen die beispielhaften Prinzipien, ja Kunstgriffe der großflächigen Sanierung des frühen 19. Jahrhunderts auf: die Reduzierung der Baumassen, die Unterordnung unter einen harmonischen gestalterischen Gesamtwillen, die Bevorzugung giebelständiger Häuser mit einheitlicher Geschossanzahl und Geschosshöhen, die soziale Durchmischung des Viertels, die ganz bewusst auch den Wirtschaftsverkehr in Form von Geschäften und Gastwirtschaften im Auge hatte, die üppige Anwendung von Fassadenschmuck in Form von Bauplastik, Fassadenmalerei und historisierenden Architekturformen, die Maßstäblichkeit der Gebäude. Viele Fotos – historische wie zeitgenössische – illustrieren die Aussagen und laden ein, dem Viertel – mit offenen Augen auch für das Detail – einen Besuch abzustatten. Die Abbildungen belegen aber auch, dass es nicht nur die Bomben des Zweiten Weltkriegs waren, die schmerzliche Verluste hinterließen, wenn etwa die sanfte, weiche Fassade der Graf-Eberhard-Baus noch in der jüngeren Vergangenheit wenig einfühlsam, kantig, nüchtern und kalt und damit abweisend erneuert wurde.

Inszenierte Harmonie, Bürgerglück aus bürgerlicher Hand, wie es Stadtrat Michael Kienzle im Vorwort andeutet? Sicherlich; die Sanierung war am Menschen orientiert und für den Menschen gedacht. Von einer technokratischen Stadtverwaltung und am schnellen Profit orientierten Großinvestoren wird man Ähnliches wohl leider nicht erhoffen können, Bürgerbeteiligung wird da nur als Störfeuer empfunden. Die Gegenwart lässt mit vielerlei Projekten – geplanten und bereits realisierten – die geistige Armut heutiger Stadt«planung» erkennen; man denke nur an das schon im Titel lächerlich großsprecherische Da-Vinci-Projekt, an die Planungen am Österreichischen Platz oder gar an Stuttgart 21 und der angeblichen neuen Stuttgarter Mitte dahinter (!) bis hin zum geprügelten Stadtteil Vaihingen, der vom Großinvestor mit der «Schwabengalerie», ebenfalls angeblich eine neue Mitte, beglückt wurde – nur keiner liebt sie. Der Hans-im-Glück-Brunnen auf dem Geißplatz, der die Freiheit erst fand, als er gar nichts mehr besaß, scheint den Weg jedenfalls insoweit weisen zu können, als Stadtplanung sich nicht in Gigantomanie und im Kommerz verlieren, sondern am Glück der Bürgerinnen und Bürger orientieren sollte, das diese am meisten noch in der Überschaulichkeit ihrer Umwelt und damit der Geborgenheit in ihr findet. Eine gut aufgemachte, durch die vielen Abbildungen ansehnliche und anschauliche Broschüre, aus der man Lehren ziehen könnte.

Raimund Waibel