Ursula Schulze (Hrsg.): Juden in der deutschen Literatur des Mittelalters

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Ursula Schulze (Hrsg.): Juden in der deutschen Literatur des Mittelalters

Titel mit mittelalterlicher Buchmalerei

Religiöse Konzepte – Feindbilder – Rechtfertigungen.
Max Niemeyer Verlag Tübingen, 2002.
290 S. mit 21 Abbildungen.

Aus einem Forschungskolloquium an der FU Berlin hervorgegangen, das das komplexe Thema christlich-jüdischer Beziehung im mittelalterlichen Europa auf der Grundlage deutscher literarischer Zeugnisse unter die Lupe nahm, nähert sich der Band dem zur Zeit intensiv bearbeitetem Thema aus einem, mit Ausnahme der einschlägigen Texte Martin Luthers bislang nur wenig beachteten und kaum untersuchten Blickwinkel.

Die differenzierten Spezialuntersuchungen führen punktgenau in die Tiefe. Da Zeitraum und Genre aber sehr breit angelegt sind, entsteht der Eindruck einer etwas beliebigen Zusammenstellung, deren Gliederung sich nicht ohne weiteres jedem Leser erschließt und zahlreiche Wiederholungen aufweist. Dennoch bieten die einzelnen Beiträge eine Fülle spannender Beobachtungen und Ergebnisse. Die analysierten volkssprachlichen Texte stammen aus nahezu vier Jahrhunderten. Sie sind höchst unterschiedlichen literarische Genres zuzuordnen, von der Silvesterlegende aus der Kaiserchronik von der Mitte des 12. Jahrhunderts über Fastnachts- und Passionsspiele sowie die Sangspruchdichtung des Süßkind von Trimberg bis hin zu Predigttexten und Gesetzen. Bei aller Heterogenität ist das gemeinsame Merkmal aller Texte, dass sie aus christlicher Perspektive auf Juden blicken und somit Bilder und Wahrnehmungsmuster vermittelten, die nahezu immer auch als Handlungsanweisungen verstanden wurden.

Der Heterogenität der literarischen Quellen entspricht die thematische Vielfalt der Aufsätze, die die Herausgeberin fünf sehr allgemein formulierten Themenkreisen zugeordnet hat. Den tiefgreifenden Wandel des christlich-jüdischen Religionsgesprächs zeichnen Vera Milde und Monika Wolf nach, und zwar am Beispiel der in der Mitte des 12. Jahrhunderts verfassten Kaiserchronik, die erstmals einem deutschsprachigem Publikum den christlich-jüdischen Dialog am Beispiel der Silvesterlegende zugänglich machte, sowie an Hand der weitverbreiteten bildlichen Darstellungen von Ecclesia und Synagoga.

Auf den großen Zwangsdisputationen von Paris (1240) und Barcelona (1263) wurde um die Bedeutung des Talmuds gestritten. Dieser Disput markiert den Wandel im christlichen Judenbild und in der theologischen Argumentation, die sich von einer Verteidigung des Christentums zu einem Angriff auf das Judentum verschob. In der allegorischen Darstellung lässt sich diese Entwicklung deutlich ablesen: Aus dem harmonischen und typologisch begründeten gleichwertigen Nebeneinander von Ecclesia und ihrer geachteten Vorläuferin Synagoga – eine Gleichwertigkeit, die etwa noch die berühmten, um 1230 entstandenen Figuren am Brauttor des Straßburger Münster prägt – wird die verzerrte Darstellung der Synagoge als Ungläubige und Teufelsverbündete, wie sie zum Beispiel zwei Fenstermedaillons des Freiburger Münsters aufweisen. Der zeithistorisch aufgeladene theologische Grundkonflikt findet seinen abstoßendsten Ausdruck im Bild von der Judensau. Diese abstoßende Verunglimpfung prangte dreidimensional an Kirchen, etwa in Wittenberg, und fand wirkungsvolle verbale Verbreitung in den Schwänken und Fastnachtsspielen eines Hans Volz etwa (Matthias Schönleber). Vor allem aber fand sie Eingang in die Handlungssträngen der Passionsspiele des späten Mittelalters: Im Donaueschinger Passionsspiel etwa streiten Judea und Christiana als zwei Königinnen unter dem blutüberströmten Leichnam am Kreuz. Als Symbol der heilsgeschichtlichen Niederlage der Judea wird ihr gelber, mit einem schwartzenn abgot gekennzeichneter Banner zerbrochen und die Judenheit damit als angebliche Mörder Christi gebrandmarkt. Im Alsfelder Passionsspiel exerziert die Ecclesia ihre für die christlichen Zuschauer unzweifelhafte Überlegenheit gar an einem mittelalterlich gekleidet Rabbi – eine explosive Mischung von allegorischer und konkreter Ebene. Auf die kaum zu überschätzende Bedeutung mittelalterlicher Volkspredigten für die Verbreitung negativer Judenbildern weist die Herausgeberin hin. Die von ihr untersuchten Beispiele aus drei Jahrhunderten belegen ebenso die Dauer und Hartnäckigkeit judenfeindlicher Klischee wie deren gezielte Verwendung durch Prediger, während andererseits christlichen Legenden von wundersam konvertierten Judenkindern, wie Cordula Hennig von Lange darlegt, den Alleingültigkeitsanspruch des christlichen Glaubens wirkungsvoll behaupteten.

Florian Rommel, der ebenfalls Passionsspiele untersucht, zeigt wie diese antijüdische Metaphern verhängnisvoll konkretisierten und damit einen fatalen Paradigmenwechsel vom religiös zum rassisch begründeten Antijudaismus in der Wahrnehmung der Juden durch die christliche Mehrheitsgesellschaft vollzogen. Von da war es nur ein kleiner Schritt zu den Legendenbildungen der Ritualmord-Konstrukte, deren Verlauf Simone Spengler am Beispiel des Simon von Trient, deren bis in die 1960er Jahre anhaltende Rezeption und Wirkungsmacht Björn Berghausen am Beispiel der Deggendorfer Gnad nachzeichnet. In der letzten Untersuchung beschäftigt sich Stefan Nied am Beispiel des Volksbuchs von Ahasver, einem Bestseller des frühen 17. Jahrhunderts, mit dem Stereotyp des Ewigen Juden, das seit seiner Entstehung zahlreiche literarische Bearbeiter gefunden hat, wobei die anfänglich von Antijudaismus freie, tragische Gestalt des ruhelosen Wanderers zunehmend zum Bestandteil judenfeindlicher Polemik mutierte und schließlich im 19. Jahrhundert zur Inkarnation einer Rasse, einem Fremdkörper in der deutschen Kultur umgedeutet wurde. Boshafte Stereotypisierungen, die im Goebbel'schen Propagandafilm gipfelten, dominieren die wenigen Beispiele ernsthafter Auseinandersetzung mit dieser Figur. Mehrere Abbildungen sowie ein Sach- wie Werk- und Personenregister runden den informativen Band ab.

(Benigna Schönhagen, 2003)