Markwart Herzog e.a. (Hrsg.): Himmel auf Erden oder Teufelsbauwurm?

Wirtschaftliche und soziale Bedingungen des süddeutschen Klosterbarock. (lrseer Schriften N.F. Band 1).
UVK Verlagsgesellschaft Konstanz, 2002.
352 Seiten. Broschiert 39,- Euro. ISBN 3-89669-994-6
Oberschwaben, das schwäbische Allgäu und Bayern gelten als klassische Landschaften der barocken Klosterkultur in Deutschland. Den Himmel auf Erden
zu holen gedachten die Abteien, doch der Teufelsbauwurm so manchen Abtes plagte nicht nur ihn selbst, sondern noch mehr seine Untertanen. Aus welchem Impetus viele Klöster im ausgehenden 17. und im 18. Jahrhundert aufwändige, teils überspannte Klosterneubauten unternahmen – und wie sie andererseits finanziert wurden –, sind Fragen, die sich nicht nur die Wissenschaft, sondern auch viele Besucher der ehemaligen Klöster angesichts der auch heute noch atemberaubenden Pracht in Kirchen, Refektorien, Bibliotheks- und Kapitelsälen stellen. Im Jahr der Landesausstellung zur Säkularisation von 1803 verdienen daher die Ergebnisse einer Tagung im Bildungszentrum Kloster Irsee vor zwei Jahren besondere Beachtung.
Der Band bündelt die für den Druck zum Teil wissenschaftlich überarbeiteten und ergänzten Tagungsbeiträge. Man wird von einem Tagungsband keine abschließenden Ergebnisse erwarten, gerade in der Darstellung und Diskussion unterschiedlicher Forschungsansätze und -meinungen liegt ja der Reiz solcher Veranstaltungen. Bereits der geographische Bogen, der vom Stift St. Peter im Schwarzwald bis zu den donauösterreichischen Großklöstern reicht, ist weit gespannt. Ein Schwerpunkt liegt freilich auf dem schwäbischen Raum: Als Fallbeispiele dienen etwa die Klöster Weißenau, Ottobeuren, Ochsenhausen, das Kemptener Hochstift, Rot an der Rot und der Kleine Goldene Saal der Jesuiten in Augsburg.
Das Hauptaugenmerk der zwölf Beiträge gilt der Frage der Finanzierung der barocken Um- und Neubauten; der Aufsatz Franz Matsches zum kunsthistorischen Typus und der Verbreitung des Kolonnadensaals und zur Frage des Reichsstils wirkt in dieser Umgebung, gleichwohl interessant, etwas fremd. Im Grund stießen alle Autoren bei der Erforschung der ökonomischen Grundlagen der barocken Bauten auf identische Probleme. Die unerhört teuren Großbauten wurden in Form einer Art Mischfinanzierung realisiert. Kaum ein Kloster konnte bei Baubeginn – in den Jahrzehnten nach dem Dreißigjährigen Krieg überrascht dies nicht – auf einen auch nur annähernd ausreichenden Kapitalgrundstock zurückgreifen. Nur Ochsenhausen scheint hier eine ruhmvolle Ausnahme zu bilden. Die wichtigsten Geldquellen waren meist Kapitalanleihen, teils bei anderen Klöstern, teils bei Privatleuten. Die Klosterökonomie – oft gerade die Erträge aus Weinbau und der Klosterbrauerei – steuerte ebenso ihren Teil bei wie die Steuern und Abgaben der Untertanen. Weißenau vergriff sich sogar an den Steuern für den Schwäbischen Kreis. In fast allen Fällen konnte zudem von einer ordentlichen Buchführung nicht die Rede sein, es herrschte oft eine grandiose Misswirtschaft. Mit Zins- und Tilgungszahlungen für die Anleihen ging man sehr leger um, häufte Schulden auf Schulden, um schließlich nach Jahrzehnten die gepeinigten Gläubiger mit für diese naturgemäß stets unvorteilhaften finanziellen Vergleichen zu befriedigen: Sie mussten froh sein, wenigstens noch eine Teilsumme zu erhalten.
Finanziell bluten mussten auch die Untertanen. Sei es, dass das Hochstift Kempten einfach die – ohnehin schon drückende – Herbststeuer (Jahressteuer) über Jahre hinweg einfach dreimal eintrieb: auch im Frühling und Sommer, ein fast mafiöses Vorgehen. Sei es, dass die Gebühren beim Besitzwechsel der Lehen ganz erheblich erhöht wurden, oder eben durch die ungeliebten ungemessenen (in Höhe und Dauer nicht fixierten) Fuhr-, Taglöhner- und andere Frondienste. Andererseits zeichneten sich manche Klöster aber auch durch Milde bei der Steuereintreibung in Notfällen aus.
Die barocke Prachtliebe der Äbte und Prälaten hat sich – auf die eine oder andere Weise – stets auch auf dem Rücken der Untertanen ausgetobt. Alois Schmid, Professor für bayerische und vergleichende Landesgeschichte in München, mag dies freilich nicht so sehen. Sein Beitrag entpuppt sich als polemisch-konservatives, tendenziöses Traktat. Schon der Titel verrät, wohin die Reise geht: "Luxus"
[in Anführungszeichen!] zwischen aufgeklärter Polemik und historischer Wirklichkeit
[sic!]. Da werden die Aufklärer des 18. Jahrhunderts zwischen den Zeilen zu realitätsfernen, verblendeten Ideologen, zu dumm für die Erkenntnis, dass Prunk und Luxus durchaus gerechtfertigt waren, da ja im Dienst der Kirche stehend, die damit nämlich ihre Bedeutung für diese Welt augenfällig unter Beweis stellte – zwischen den Zeilen vermeinen wir zu lesen: notwendiger- oder gerechtfertigterweise. Welche Ehre soll denn so wieder hergestellt werden? Die Ergebnisse des erhellenden Buches von Hartmut Zückert zu den sozialen Grundlagen der Barockkultur, dass die wachsenden Kosten der intensivierten Bautätigkeit vor allem auf den Schultern ausgebeuteter Untertanen abgeladen worden seien, erhalten en passant das Qualitätssiegel modische These
. Die Beweise, dass dem nicht so war, liefert Alois Schmid freilich nicht. Man würde Schmids Argumentation gerne intensiver verfolgen, könnte er mit so dichtem Zahlenmaterial aufwarten, wie sie etwa Georg Wieland aufgrund akribischer Forschung in Weißenauer Klosterakten vorlegt mit ganz anderem Ergebnis übrigens. Die Beiträge der Koautoren des Bandes sprechen in der Regel jedenfalls eine andere Sprache. Und die von Schmid ignorierten häufigen und vielerorts vorgekommenen Proteste der Untertanen bis zum Aufruhr gegen Steuererhebungen und die Bauwut der Äbte ebenso. Womit nicht gesagt sein soll, dass die Verhältnisse überall gleich waren, gerade die ökonomischen Grundlagen waren es ja nicht.
Die sich so ergebende Forschungskontroverse verdient es, weiter verfolgt zu werden. Voraussetzung dafür wird intensives Quellenstudium sein. Der vorliegende Band wird nicht zuletzt aufgrund des umfangreichen Anmerkungsapparats und der Literaturliste dabei wertvolle Hilfe leisten.
(Raimund Waibel)
