Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum.

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Klaus-Dieter Alicke: Lexikon der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum.

Titelblatt

3 Bände, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, zahlreiche Schwarz-Weiß-Abbildungen, gebunden im Schuber, € 148. ISBN 978-3-579-08035-2.

Längst überfällig ist das, was Klaus-Dieter Alicke auf über 2000 Seiten zu einem acht Kilo schweren Konvolut zusammengestellt hat: ein Nachschlagewerk zu allen jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum. Kaum zu glauben, dass dieser enzyklopädische Kraftakt von einer Person geleistet wurde! Der späte Zeitpunkt zeigt, wie lange jüdische Geschichte aus der allgemeinen deutschen Geschichte ausgegrenzt und nicht als ein wesentlicher Bestand von dieser wahrgenommen wurde. Das Erscheinen dieses Nachschlagewerkes zeigt aber auch, was in den letzten zehn, fünfzehn Jahren an lokaler Forschung zur deutschjüdischen Geschichte geleistet wurde. Ohne diese vielen Lokalstudien und die in letzter Zeit erschienenen Überblicksdarstellungen, etwa der Synagogengedenkband Baden-Württemberg, und die Handbücher der jüdischen Gemeinden in den einzelnen Bundesländern wäre dieser dreibändige Überblick nicht möglich gewesen.

Anlass für den Autor, der Besucher durch die Gedenkstätte Bergen-Belsen führt, war der 70. Jahrestag des Novemberpogroms von 1938 - jenes Datum, an dem die nationalsozialistische Politik der Ausgrenzung und Diffamierung der Juden in die Konzipierung und Realisierung der totalen Vernichtung umschlug. Die drei Bände, die nun vorliegen, vermitteln etwas von der unfassbaren Dimension der Zerstörung, von der Auslöschung jüdischen Lebens, das jahrhundertelang in Deutschland zu Hause war. Denn über viele Jahrhunderte hinweg haben Menschen jüdischen Glaubens ihre Spuren in der deutschen Geschichte hinterlassen (Vorwort). Das kann man jetzt an Kurzporträts von mehr als 2000 jüdischen Gemeinden nachvollziehen, angefangen mit dem rheinland-pfälzischen Aach bis zum sächsischen Zwickau. Jüdische Orte in der Schweiz (etwa Baden, Endingen, Lengau) sind ebenso aufgenommen wie die jüdischen Gemeinden in Österreich und diejenigen des heutigen Polen und der Tschechischen Republik (z. B. Leitmeritz/Litomerice), die sich um 1900 als der deutschen Kultur zugehörig empfanden.

Die Einzelbeiträge folgen einem festen Schema: Neben einer knappen Skizze der Entwicklung der jeweiligen Gemeinde seit ihrer Entstehung listen sie die vorhandenen Kultuseinrichtungen auf, geben einen, meist tabellarischen Überblick über deren demographische Entwicklung und Berufsstruktur, schildern ausführlicher die Zeit der Verfolgung bis zum Ende in der NS-Zeit, aber auch die Schwierigkeiten der DP-Gemeinden in der Nachkriegszeit. Schließlich dokumentieren sie die wenigen Spuren, die die NS-Zeit überdauert haben, und listen auf, wie sich das Bemühen um Erinnerung in Denkmalen und Gedenktafeln niedergeschlagen hat. Besonders hilfreich ist hier, dass die meisten Inschriften der Gedenktafeln wörtlich zitiert werden. Einigen Artikeln wurden zudem kleine Schwarz-Weiß-Fotos oder Abbildungen von Dokumenten beigegeben.

Wissenschaftliche Vollständigkeit und Nachweise oder eigene Forschungen wurden nicht angestrebt und konnten auch nicht das Ziel dieser Anstrengung sein. Der Autor gibt anhand der Literatur einen Überblick über alle jüdischen Gemeinden, die um 1900 im deutschen Sprachraum existierten, den aber bemerkenswert gut und zuverlässig. Natürlich ließen sich Fehler und Ungenauigkeiten bei diesem Umfang nicht vermeiden. So heißt die Straße, an der die Laupheimer Synagoge erbaut wurde, Bronner- und nicht Brommerstraße, und die Mauer, die 1298 die Juden von Augsburg errichten mussten, begrenzte nicht ihren Friedhof, sondern war ein Teil der Stadtmauer. Aber das sind Kleinigkeiten. Wichtiger ist, dass an zentraler Stelle anschauliche Quellen zitiert werden, etwa die neue Synagogenordnung von 1868 im badischen Altdorf, heute ein Stadtteil von Ettenheim, oder das berühmte Schlussgebet des Stuttgarter Rabbiners Dr. Joseph Maier, das dieser 1861 bei der Einweihung der dortigen Synagoge mit dem euphorischen Bekenntnis abschloss: Ja, dir, geliebtes Stuttgart, unserem Jerusalem, wünschen wir Heil!

Für den Leser, der mehr wissen will, ist an jeden Ortsartikel gleich die wichtigste Sekundärliteratur nachgewiesen. Ein Glossar der hebräischen Begriffe sowie ein ausführliches Ortsverzeichnis ergänzen die drei Bände, die in jede Schul- und Stadtbücherei gehören.

(Benigna Schönhagen)