Erik Soder von Güldenstubbe und Ariane Weidlich: Tilman Riemenschneider und sein Erbe im Taubertal.

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Erik Soder von Güldenstubbe und Ariane Weidlich: Tilman Riemenschneider und sein Erbe im Taubertal.

Titel mit Christuskopf

Gesichter der Spätgotik.

Fotografie von Dorothea und Winfried Berberich. Kunstschätzeverlag Gerchsheim 2004. Großformat 352 Seiten mit rund 400 Farbabbildungen.
98,- Euro. ISBN 3-934223-15-X

Die Literatur zu Tilmann Riemenschneider, seinem Leben und Werk, ist umfangreich, schließlich zählt er neben Albrecht Dürer wohl zu den bekanntesten deutschen Künstlern. Wer kennt nicht seinen Marienaltar in Creglingen oder seinen Heiligblutaltar in Rothenburg. Und nun also legt der Kunstschätzeverlag ein weiteres Buch über ihn und sein Werk vor, den ersten Band einer geplanten Reihe, der sich Riemenschneiders Hauptwerke im Taubertal und in den benachbarten Orten annimmt. Man liest skeptisch die Ankündigung. Ist über Riemenschneider nicht schon alles publiziert? Gibt es denn nicht genügend Abbildungen seiner Werke? Nimmt man das neue Buch dann zur Hand, wird man schnell eines Besseren belehrt. Um es gleich vorweg zu sagen, gewissermaßen mit der Tür ins Haus fallend: Es ist gewiss nicht das erste Buch über Tilman Riemenschneider, aber das seit langem beste.

Da beeindrucken zunächst die Fotos, die den Band in reicher Fülle begleiten. Die meisten fertigte Winfried Berberich, der auch das Layout besorgte. Jedes Objekt wird ausführlich dargestellt. Beim Creglinger Altar beispielsweise ist jede Figur ganzseitig zu sehen, teils in mehreren Positionen und in verschiedener Beleuchtung. Doch bestechen die Fotos auch in ihrer Qualität und Ausdruckskraft.

Prachtvoll und eindrücklich ist beispielsweise die doppelseitige Abbildung der Predella des Heiligblutaltars in Rothenburg. Vor einem dunklen Hintergrund treten der Gekreuzigte und die ihn rechts und links flankierenden, knienden Engel und die sie begrenzende Architektur gestochen scharf und weich gezeichnet zugleich ins Bild. Der Doppelseite folgen Abbildungen, die immer mehr ins Detail gehen - Predellafiguren einzeln, Figuren in Büste, Köpfe - und Vergleichsmöglichkeiten thematisch gleicher Darstellungen in anderen Altären bieten. Die akribische Lichtführung der Fotografen ermöglicht vielfach eine ungewöhnliche und neue Sicht auf die Altäre, Epitaphien und Reliefs, vor allem auf die Figuren Riemenschneiders. Man kann sich nicht entscheiden, was mehr begeistert, die Gesamtaufnahmen oder die Details, der Blick auf die Einzelheiten, auf Gesichter, Hände, Gewandsäume. Insgesamt sind Bilder entstanden, die für sich selbst oft eigenständigen Kunstwerken gleichen. Man ahnt den Aufwand, der hinter den einzelnen Abbildungen stand. Man denkt an Gerüstbauten, die den Fotografen auf Augenhöhe brachten und ihm den Blickwinkel des Bildhauers abzubilden erlaubten.

Doch auch der Text, der an Umfang hinter den Abbildungen zurücktritt, ist beachtenswert. Fast alles stammt aus der Feder von Erik Soder von Güldenstubbe, von 1977 bis 2003 Diözesan-Archivar von Würzburg, heute Bistumshistoriker. Nach einer allgemeinen Einleitung zur Biographie Riemenschneiders, wobei er vor allem auf dessen Familie und Lebensumstände eingeht, aber auch die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit sowie die künstlerischen Grundlagen Werkstatt, Zunft, Zeitgenossen, allgemeine Bautätigkeit im Bistum - erläutert, beschreibt er zunächst abgegangene Werke Riemenschneiders aus dem Taubertal, worunter er auch Werke versteht, die noch vorhanden, aber nicht mehr im Taubertal sind. Sein Augenmerk aber gilt dem theologischen Inhalt der künstlerischen Werke. Minutiös, kenntnisreich und anschaulich erarbeitet er die biblischen Grundlagen aller Darstellungen. Mitunter geraten ihm seine Beschreibungen zur Poesie. So heißt es beispielsweise von einem der Schriftgelehrten, der dem zwölfjährigen Jesus im Tempel lauscht: Er schaut in die Weite, nachdenklich, ein Hörender, ein Schauender, ein Fragender, dem ein Buch keine Antwort mehr gibt, nachdem er das Mensch gewordene, ewige Wort des Vaters wahrgenommen hat. Beschrieben werden von ihm Objekte aus oder in Aub, Bad Mergentheim, Creglingen, Detwang, Garnburg, Grünsfeld, Insingen, Königheim, Külsheim, Lauda, Neusitz, Pülfringen, Röttingen, Rothenburg, Schweinsdorf, Tauberbischofsheim und Werbach.

Vorbildlich ist die klar gegliederte Beschreibung des Wettringer Altars von Ariane Weidlich (Seite 294-300). Sie ordnet das Kunstwerk zunächst in den örtlichen und historischen Kontext ein, erläutert das Bildprogramm, analysiert die Bildwerke und den Schrein, wertet die künstlerische Gestaltung, untersucht die künstlerischen Vorbilder und diskutiert abschließend die Datierung und die Herkunft des Altars. Auch ihr Beitrag ist von hervorragenden Fotografien ergänzt und begleitet (bis Seite 331).

Dem Verlag darf man gratulieren. Er hat ein großartiges Buch geschaffen und publiziert. Das einzige, was verbesserungsfähig wäre, ist das Literaturverzeichnis, das selbst mit einer Lupe nur mühsam gelesen werden kann.

(Wilfried Setzler)