Barbara Scholkmann, Sönke Lorenz (Hrsg.): Schwaben vor tausend Jahren.

Markstein Verlag Filderstadt, 2002.
240 Seiten, 16 Karten, 27 Farb- und 37 Schwarz-Weiß-Abbildungen, gebunden 24,80 Euro. ISBN 3-935129-03-3
Im Wintersemester 2000/2001 wurde im Tübinger Studium Generale eine Ringvorlesung angeboten: Schwaben vor tausend Jahren. Genau genommen wäre dies das Jahr 1000 gewesen, doch es wurden auch das 10. und das 11. Jahrhundert mit einbezogen, also die Zeitspanne vom Ende des karolingischen Reichs bis zur Königsherrschaft der Staufer. Doch eine Vorlesung ist nicht unbedingt ein Kapitel in einem Buch, und so haben die meisten Autoren - vier Ordinarien und drei ausgewiesene Wissenschaftler ihre Ausführungen erweitert sowie mit Karten, Grundrissen, Fotos und Zeichnungen visualisiert. Für die noch geringe Dichte der schriftlichen Überlieferung, die sich erst nach 1050 mit dem Investiturstreit verstärkt, spricht der Umstand, dass drei Mittelalter-Historikern vier Archäologen gegenüberstehen, die mit ihren Methoden mehr Licht in diese dunkle Zeit zu bringen versuchen.
Was umfasste damals Schwaben? Es war das Gebiet, das der Herzog in dem neu formierten Herzogtum Alemannien/Schwaben unter und mit dem ostfränkischen/deutschen König beherrschte. Es reichte von den Alpenpässen in Richtung Oberitalien bis in die Höhe von Ellwangen, vom Lech bis zur mittleren Aare und an den Oberrhein, denn das Elsass wurde meist als eigenes Herzogtum geführt. Drei Bischofsstädte mit einer Marktsiedlung bilden die Vororte in diesem Komplex: Chur, Konstanz und Augsburg. Weitere Vororte sind Zürich, Ulm und Esslingen sowie die Klöster St. Gallen, Reichenau, Kempten, Ottobeuren und Ellwangen.
Der Freiburger Ordinarius Thomas Zotz beschreibt klar die Geschichte der Herzöge und ihr Verhältnis zum Königtum, das mit Heinrich III. die Verwaltung des Herzogtums Schwaben ganz an sich zog. Wie stark die Adelsmacht aber damals schon war, führt der Tübinger Historiker Wilfried Hartmann im Kapitel Schwaben im Investiturstreit aus. Der Salier Heinrich IV. erhob 1079 Friedrich von Staufen zum Herzog und gab ihm seine Tochter Agnes zur Frau. Doch im Kampf gegen den Zähringer Berthold II. konnte der Staufer nur den Norden Schwabens und den Titel Dux Alemanniae sichern, während sich der Zähringer ebenso Herzog nennen durfte wie die Welfen in ihren oberschwäbischen Eigengütern.
Der Investiturstreit war eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen weltlicher Macht, die dem König von Gott übertragen war und die Herrschaft über die Kirche mit einschloss, und der katholischen Kirche, in der der Papst auf Selbstbestimmung pochte. Die geistigen Zentren dieser Reform waren St. Blasien und Hirsau, wo der hochgebildete Abt Wilhelm sein Kloster Rom unterstellte. Klerus und Adel waren gespalten, und die Parteien bekämpften sich unversöhnlich mit Wort und Schwert. Die Folge war ein Bürgerkrieg, in dem die Soldateska Kaiser Heinrichs IV. in Schwaben raubte und verwüstete, Menschen als Sklaven verkaufte und mehr als hundert Kirchen entweihte.
Den Klöstern und Stiften ist das umfangreichste Kapitel vorbehalten, das der Tübinger Landeshistoriker Sönke Lorenz geliefert und durch sage und schreibe 423 Anmerkungen abgesichert hat. Um vollständig zu sein, greift er bis in die Karolinger Zeit zurück und konstatiert um 1100 das Ende des alten Rahmens monastischer Ordnungen, wenn zu den Benediktinern neue Orden wie die Zisterzienser und Kartäuser treten. Die gründliche Darstellung der "Sakrallandschaft" mit allen Klöstern und Stiften sowie den Bischofsstädten - zum Ende des 10. Jahrhunderts zählte man in Konstanz nach dem Vorbild Roms bereits sieben Kirchen ist in die allgemeine Historie eingebettet.
Den stetigen Erkenntniszuwachs ihres Fachs belegt Barbara Scholkmann, Tübinger Professorin für die Archäologie des Mittelalters, mit ihrer archäologisch-bauhistorischen Sakraltopographie, die mit den Großbauten der Bischofssitze und Reichsklöster beginnt und bei den vorromanischen Gotteshäusern im ländlichen Raum endet, von denen bisher rund hundert meist einschiffige Saalkirchen nachgewiesen werden konnten, die wohl wie die Sylvester-Kapelle in Goldbach bei Überlingen ausgesehen haben.
Der Stadtarchäologe Ralph Röber lässt faszinierend das ottonische-frühsalische Konstanz vor unseren Augen erstehen: den ummauerten Münsterhügel mit Dom und Mauritiusrotunde als Nachbildung der Jerusalemer Grabeskirche, die Klöster und die Siedlung der Kaufleute entlang dem Bodenseeufer. Grabungen in der heutigen Altstadt haben ergeben, dass hier die Flachwasserzone des Sees aufgeschüttet wurde, dass Landestege vorhanden waren, die einen regen Schiffsverkehr belegen. Dazu kommen Speicherbauten und Häuser auf 25 bis 35 Parzellen, die in Richtung See laufen.
Der erfolgreiche Ausgräber in der Stuttgarter Stiftskirche und im Alten Schloss, Dr. Hartmut Schäfer vom Landesdenkmalamt, muss für Esslingen trotz mehr als 70 archäologischen Aufschlüssen bekennen, dass sie für die Zeit vor 1100 keinen Einblick in die Siedlungsstrukturen gewähren. Gleichwohl hat ein Siedlungskern um die Vitalis- / Dionysiuskirche samt Markt bestanden, der später überbaut worden ist. Leider sind in diesem Kapitel großflächige Karten bis zur Unkenntlichkeit verkleinert.
Ländliche Siedlungen in Schwaben behandelt abschließend der Archäologe Rainer Schreg, der über die mittelalterliche Besiedlung des Renninger Raums promoviert hat. Ist um das Jahr 1000 die Geburt des Dorfes anzusetzen, wie französische Forscher meinen? Nach den ausgegrabenen Siedlungsresten scheint erst nach 1200 aus Gehöften und Reihensiedlungen das Bild der Dörfer entstanden zu sein, das das späte Mittelalter bestimmte. Auf jeden Fall ging die Zahl der Siedlungsplätze stark zurück, und es kam meist im Umfeld von Kirchen zu Konzentrationen. Durch Veränderungen in der Grundherrschaft? Durch die Gründungen der vielen Städte im Südwesten?
Schwaben vor tausend Jahren, dieser Sammelband, der außen die Krypta des Konstanzer Doms mit der Christusscheibe aus feuervergoldetem Kupferblech zeigt, dieser Band gibt anregend und verlässlich Auskunft über Schwaben zwischen 900 und 1100 und regt zugleich die Forschung zu neuen Fragestellungen an.
(Martin Blümcke)
