Martina Oberndorfer: Wiblingen - Vom Ende eines Klosters

. . . . . .

Martina Oberndorfer: Wiblingen - Vom Ende eines Klosters

Titelblatt

Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm 2006. 575 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Pappband € 49,80. ISBN 978-3-7995-9034-

Das 1099 gegründete Benediktinerkloster Wiblingen an der Mündung der Iller in die Donau bei Ulm zählte zur mittleren Klasse der Abteien in der reichen Klosterlandschaft Oberschwabens. Nicht vergleichbar mit den großen und immens wohlhabenden Reichsabteien wie Ochsenhausen, Weingarten und anderen war es den Wiblinger Mönchen doch gelungen, im Laufe der Zeit ein kleines Territorium auszubilden mit zuletzt etwa 3.300 Untertanen. Wiblingen galt nicht zuletzt seiner wichtigen Rolle in den monastischen Reformbestrebungen des Spätmittelalters wegen als heiliges Kloster; 1701 hatte man sich von der Vogtei der Grafen Fugger-Kirchberg befreien können und war nun ein landsässiges Kloster: selbstständig, aber noch unter österreichischer Herrschaft, mit Sitz und Stimme auf dem vorderösterreichischen Landtag.

Die Geschichte des Klosters Wiblingen oder gar seines Territoriums ist - wie im Falle vieler anderer Abteien ja auch - noch nicht geschrieben. Selbst das Klosterjubiläum 1999 konnte nicht zu einer Festschrift genutzt werden. Die 1832 erschienene Klostergeschichte des Wiblinger Exkonventualen und späteren Landpfarrers Michael Braig konnte nicht mehr sein als die Auswertung des Templum Honoris, eines barocken Loblieds auf das Kloster, und des Chronicon Wiblinganum, nach Jahren geordneter chronikalischer Aufzeichnungen. Allerdings beruht Braigs Werk für die Zeit der Säkularisation auf eigener Anschauung und erhält somit Quellencharakter.

Die Zeit des Barocks und der Revolutions- und napoleonischen Kriege bildet den zeitlichen Rahmen der gewichtigen Darstellung von Martina Oberndorfer. Der Untertitel des Werkes ist freilich etwas irreführend. Nicht Vom Ende eines Klosters handelt das Werk, sondern die Autorin führt den Leser in einer umfassenden Tour d'Horizon in die monastische Welt, mehr aber noch der Klosterdörfer und der Klosteruntertanen in den Jahrzehnten der großen gesellschaftlichen und politischen Umwälzungen um 1800, die ja gerade in den habsburgischen Landen, zu denen Wiblingen zählte, in der Reformpolitik Kaiser Josephs Il. schon ein Säkularisationsvorspiel erlebt hatten.

Die Spannweite der Untersuchung und Darstellung, die man wohl als ein Lebenswerk bezeichnen darf, ist immens. Sie setzt ein - wir folgen hier den Hauptkapiteln - mit der Wirtschaftlichen und geistigen Bedeutung des Klosters Wiblingen, gleichsam einer Einführung, die schon das Dasein der Untertanen und ihrer vielfachen Nöte, aber auch die so wichtige Heiligkreuzwallfahrt einbezieht, und wird weitergeführt - im Grunde eine Fortsetzung des ersten Kapitels - mit der Barocken Frömmigkeitspraxis, dem Reliquienkult in Kloster und Herrschaft und seiner Eindämmung im Rahmen der josefinischen Reformen. Dem Klosterterritorium, also ausgeübter Herrschaft, ist das dritte Kapitel gewidmet: Die Klosterherrschaft als Teil Schwäbisch-Österreichs. Und auch hier wieder steht der Untertan im Mittelpunkt, etwa dessen Rebellionsgeist und immer wiederkehrende Widersetzlichkeiten wegen Steuererhebungen auf Rodungsflächen.

Martina Oberndorfer kommt das Verdienst zu, eine bisher weitgehend vernachlässigte, ja fast unbekannte Gattung von Quellen gleichsam entdeckt und ausgewertet zu haben: die Chroniken, Statistiken, Tagebücher und andere zeitgenössische Darstellungen in den Pfarrarchiven der Klosterdörfer! Dabei kamen unglaublich reichhaltige und bei richtiger Lesart und den richtigen an die Quellen gestellten Fragen - und gerade dies ist Martina Oberndorfer in hervorragender Weise gelungen - aussagekräftige, teils spannende, teils erschütternde und stets den Puls der Zeit noch vermittelnde Dokumente zu Tage: etwa die Acta Parochalia des Staiger Pfarrers Riester, der über Jahre hinweg das Weltgeschehen beobachtete und kommentierte, darunter auch die revolutionären Vorgänge zur Zeit der Schreckensherrschaft in Paris, damit alle Nachkommenschaft wie in einen Spiegel hineinblicken und Leben und Sitten vergleichen kann.

Kulturelle Traditionen behandelt das fünfte Kapitel: die Kulturpflege im Kloster, die Wiblinger Schulen, Seelsorge, Predigt und deutsche Messe, Volks- und Schulbildung im umfassenderen Sinne. Dem eigentlichen Untertan und seinem Alltag widmet sich das sechste Kapitel: Die sozialen Verhältnisse in der Herrschaft Wiblingen um 1800. Wieder frappieren die reichen Ergebnisse der Auswertung der Pfarrakten, selbstverständlich ergänzt durch Unterlagen aus staatlichen Archiven, etwa im Wiblinger Totenregister der Tod einer fremden Bettlerin, die auf dem Bettelkarren über die Dörfer geführt wurde und dann in Wiblingen starb; oder die aus dem Seelenstand der Pfarrey Wiblingen von Pater Sebastian Henle aus dem Jahr 1800 resultierende überraschende Erkenntnis, dass ein Fünftel der Wiblinger Bevölkerung in Stüblein wohnte, also quasi zur Untermiete in fremden Wohnungen, wobei diese Mieter ihrerseits noch Untermieter aufnahmen, die nicht mehr als einen Strohsack in dem Zimmer besaßen (13% der Bevölkerung!). Im Armenhaus lebte in der großen Stube: ein Ehepaar mit einem Kind, eine Witwe mit vier Kindern, dazu vier Ledige, eine davon mit Kind, und noch zwei Witwen. Ähnlich die Verhältnisse in vier anderen Mietshäusern, wie man sie auf einem Dorf nicht vermuten würde. Eindrücklich in diesem Kapitel die - auch statistische - Darstellung der Frauenschicksale.

Das siebte und letzte Kapitel schließlich berührt die Auswirkungen der Revolutions- und napoleonischen Kriege in der Klosterherrschaft, die naturgemäß besonders lebensnahen Niederschlag in den Quellen fanden und von Martina Oberndorfer detailliert ausgewertet wurden. Die Säkularisation des Klosters, die Liquidation der Klosterherrschaft, wird dann eher kurz auf nur 19 Seiten behandelt.

Die Spannweite der Themen, die Reichhaltigkeit der Quellen, die von der Autorin oftmals in längeren Passagen zitiert werden, ja die das eigentliche Gerüst des Werkes bilden -gerade dies macht den Wert des Bandes aus -, bringt es mit sich, dass die Darstellung nicht stringent von A nach Z führen kann. Die Autorin will keine These anhand der Quellen beweisen, sie lässt vielmehr die Quellen im eigentlichen Sinne sprechen. Diese Art der Darstellung hat den Charme, den Leser nicht akademisch abgehoben, sondern - wenn auch distanziert - mitfühlend in die Zeit um 1800 zu führen - selbstverständlich kommentiert und erläutert - und zum besseren Verständnis der komplexen Vorgänge eingebunden in ein Gerüst, bestehend aus der Schilderung der überregionalen historischen Prozesse und Entwicklungen der Zeit. Deutlich wird dabei, wie wenig wir bisher über die Klosterherrschaften im Barock wissen. Längere zitierte Passagen, darunter zeitgenössische Statistiken und Listen, wurden in die den Hauptkapiteln angeschlossenen Anmerkungsapparate genommen.

Martina Oberndorfer hat zugleich ein interessantes Lesebuch für Laien und einen eminent wichtigen Beitrag zur Erforschung der monastischen Welt an der Schwelle zur Moderne geschaffen. Wer sich mit - nicht nur oberschwäbischen - Klöstern und Klosterherrschaften des Barocks bis zum frühen 19. Jahrhundert befassen will, muss in Zukunft die Wiblinger Fragestellungen und Erkenntnisse unbedingt zur Kenntnis nehmen. Mehr als 2.000 Einträge im Orts- und Personenregister ermöglichen nicht nur der Landesgeschichte mannigfaltige Anknüpfungspunkte.

(Raimund Waibel)