Kirchensterben – Aspekte kirchlicher Denkmalpflege
Exposé zum Vortrag von Prof. Thersia Gürtler Berger, Zürich
im Rahmen der Tagung "Kirche – Stadt – Kultur"
6. Schwäbischer Städte-Tag, 7. Oktober 2009, in Reutlingen
Das klassische Denkmal Kirche erscheint auf den ersten Blick als wertbeständiger Monolith ausserhalb jeglicher Zeit. Um- und Neunutzung können sie nicht betreffen. Aber die im Kulturbewusstsein verankerten, auf Ewigkeit angelegten Sakralbauten sind im Fluss: Sie sind den sich ändernden politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen sowie immer mehr bautechnischen Faktoren unterworfen. Nicht nur liturgische oder kirchengesellschaftliche Veränderungen bestimmen Tempo und Grad ihres Wandels: Bevölkerungs- und Gläubigerschwund, Ab- oder Zuwendung zu Religion und zur Institution Kirche, aber auch profane bautechnische sowie betriebswirtschaftliche Faktoren wie der Energieverbrauch entscheiden über Leerstand, Verfall, Um- und Neunutzung oder Abbruch.
Ein Blick in die europäische Kultur- und Baugeschichte zeigt, dass das Kirchensterben unserer Tage keinesfalls neu ist. Wachsen und Schrumpfen in jeglicher Hinsicht bestimmten immer wieder die Identitäts- und Kulturträger, die städtebaulichen bestimmenden Ensembles Kirche und Pfarrhof oder Klöster. Kriege wie der 30jährigen, die Glaubenskriege oder der Zweite Weltkrieg, politische und gesellschaftliche Umwälzungen wie Reformation oder Säkularisation, aber auch Revolutionen, Naturkatastrophen und Seuchen oder Wirtschaftskrisen liessen Dörfer und Städte schrumpfen, Kirchen und Klöster verloren ihre Bewohner und Funktionen, erhielten neu: Napoleons Säkularisation führte zu Um- und Neunutzungen der Sakralbauten als Schulen oder Spitäler, Museen, aber auch zu Stall- und Gewerbenutzungen u.a. als Pulverfabrik oder gar zum anhaltenden Abbruch als Steinbruch.
Im heutigen Kirchsterben fallen vereinzelt architektonisch, städtebaulich und denkmalpflegerisch spannende Lösungen für das Individuum Kirche auf, ebenso die oftmals unkonventionell und listenreich vorgehenden Teams aus engagierten Bürgern, Kirchen- und Gemeindemitgliedern.
Zur Zeit scheinen die noch nicht erfassten 60er Jahre Kirchen und -zentren vor allem vom Abbruch bedroht zu sein. Der grosse Baubestand und damit die für die Region, die Dörfer wichtigen kleinen Kirchen geraten aber trotz ihrer Barockausstattung ebenfalls zunehmend unter Druck.
Für die Denkmalpflege gilt zudem die Wahrung der ursprünglichen Nutzung als erste Prämisse, um bauliche Eingriffen zu vermeiden. Aber selbst bei gleichbleibender Nutzung kommt es zur schleichenden und oft tiefgreifenden Umnutzung eines Gebäudes; z.B. greifen die steigenden haustechnischen (Lüftung, Sanitäranlagen) oder feuerpolizeilichen Anforderungen (Fluchtwege) in die Raumstruktur und Substanz ein. Die Um- oder Neunutzung gilt oftmals als Allheilmittel zum Erhalt eines Objektes, als Bewahrer vor Leerstand und raschen Verfall. Immer seltener sind aber Um- und Neunutzung von Sakralräumen reversibel oder gar provisorisch möglich. Räumliche und technischen Anforderungen, aber auch Bauvorschriften können teure, tiefgreifende Eingriffe in die Raumstrukturen und wertvolle Substanz zur Folge haben. Laiengremien wie Kirchgemeinden sind dabei als Bauherrschaft, aber auch Architekten und Denkmalpfleger oft überfordert bzw. massiv gefordert.
Vereinzelt werden Stimmen laut neben dem Einmotten als kontrollierten Leerstand von Sakralbauten, auch den Verfall statt dem Abbruch ins Auge zu fassen. Man hofft auf den Faktor der Zeit. Allfällige kulturelle Veränderungen könnten mehr Spielraum für einen zukünftigen Erhalt bieten. Teilweiser Verlust kontra neue Chancen zum ungeschmälerten Erhalt?
