Modell Reutlingen neue Wege bei der Nutzung von Kirchenbauten
Theologische Aspekte in notwendigen Veränderungsprozessen
A. Annäherung
Wozu braucht es Kirchen? Lassen Sie mich eine Reutlinger Antwort geben, die den Reutlingern unter uns bekannt sein dürfte. Reutlingen wurde in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zur Reichstadt erhoben. Sie erhielt damit wie alle Reichsstädte ihren Status direkt vom Kaiser und wurde damit auch zur Zielscheibe aller antikaiserlichen Agitation. Und so kam es, dass die Stadt 1247 von den Truppen des Heinrich Raspe (1204-1247), des Gegenkönigs von Konrad IV. (1228-1254) dem Sohn Kaiser Friedrichs II. - belagert wurde. Während der Belagerung gelobten die bedrängten Reutlinger Bürger, innerhalb der Mauern der Stadt eine herrliche Kapelle zu Ehren Marias, ihrer Beschützerin, zu bauen. Es gab bis dahin lediglich außerhalb der Stadtmauer eine alte Pfarrkirche. Raspes Truppen mussten abziehen. Sie ließen der Überlieferung nach ihren Rammbock zurück. In seinen ursprünglichen Maßen liegt eine Nachbildung dieses Rammbockes bis heute an der südlichen Seite des Chorraumes der Marienkirche. Die Bürger erfüllten ihr Gelübde. Sie begannen wenige Monate später, im Jahr 1248, mit dem Bau der Marienkapelle, die nach etwa 100 Jahren, 1343 eingeweiht wurden. Fast 100 Jahre Bau nicht so lange wie beim Kölner Dom -, aber doch über mehrere Generationen hinweg.
Wozu braucht es Kirchen? Damals, im mittelalterlichen Reutlingen, war der Bau der Marienkirche der Dank für den göttlichen Beistand in schwierigen Zeiten. Und das ist bemerkenswert es war eine Bürgerkirche. Auch zu Zeiten der Reformation, als sich die Bürgerschaft unter ihrem Bürgermeister Jos Weiß bereits 1521 also 13 Jahre vor dem Herzogtum Württemberg der Reformation anschloss, Matthäus Alber, den Lutherschüler, zum Prädikanten der Marienkirche berief und dafür sorgte, dass die Pfleghöfe in Reutlingen blieben. Die Marienkirche ist bis heute Bürgerkirche geblieben. Das kann man jedes Jahr am Schwörtag miterleben, wenn dort der Festtag mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Marienkirche beginnt. Man sieht die über die Christengemeinde hinaus ins Gemeinwesenden reichende Bedeutung der Marienkirche auch daran, dass sich die Stadt Reutlingen bis auf den heutigen Tag in der Pflicht sieht, den Fortbestand der Marienkirche ideell und finanziell zu unterstützen. Die Kirche wurde 1988 zum nationalen Kulturdenkmal erhoben.
Wozu braucht es Kirchen? Dazu könnte man vieles sagen. Wer sich die Vortragsthemen dieser Tagung, dieses Forums Kirche Stadt Kultur vor Augen hält, der kann erkennen: Die Kirchen in Reutlingen sind wie überall Dokumente der Stadt- und der Kulturgeschichte. Sie sind wie wir gehört haben gebauter Glaube. Sie waren und sind wie wir gleich noch hören werden religiöse Zeichen im öffentlichen Raum. Die Kirchen in der ehemals freien Reichsstadt Reutlingen prägen das Stadtbild. Die Marienkirche wird zu Recht als Wahrzeichen der Stadt am Fuße der Achalm bezeichnet. Ähnliches ließe sich auch zur Reutlinger Nicolaikirche (erbaut 1358 als Sühnezeichen nach der großen Pest 1348), zur Katharinenkirche im alten Reutlinger Friedhof Unter den Linden, zur Mauritiuskirche in Betzingen sagen, aber auch zur katholischen Sankt Wolfgang Kirche.
B. Entfaltung die Rahmenbedingungen
Kirchen besitzen hohe, Identität stiftende, kulturelle und geistliche Bedeutung. Für die christlichen Kirchen sind sie zentrale Orte für ihre Gottesdienste. Orte, an denen gefeiert, geklagt, gelobt, getrauert, musiziert, gesungen wird. Es sind Orte, an denen Gott uns dient und an denen wir Gott dienen. So war das schon durch alle Zeiten hindurch.
Freilich, der römische Dichter Ovid hat Recht, wenn er feststellt: tempora mutantur et nos in illis die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen. Ich will das einmal verdeutlichen an der biblischen Geschichte des Volkes Israel: Das Gottesvolk war zunächst ein Nomadenvolk in der Stiftshütte, im Stiftszelt hat es seine Gottesdienste gefeiert. Zelte sind Zeichen für das wandernde Gottesvolk. Später, nach der Sesshaftwerden in Palästina - hat das Volk Israel unter dem König Salomo einen wunderbaren Tempel gebaut. Nach der Zerstörung durch die Babylonier wurde dem Volk Israel der Ort der Identität geraubt. Nach dem Exil wurde er wieder aufgebaut, bis er dann im Jahre 70 unserer Zeitrechnung endgültig zerstört wurde und bis heute ist der Tempelberg in Jerusalem ein umkämpfter Ort zwischen Juden und Muslimen. Ein geschichts- und symbolträchtiger Ort, der für die Glaubenden des Judentums und des Islams höchste Relevanz und Identität stiftende Sinnhaftigkeit besitzt. Ähnliches ließe sich für viele christliche Kirche sagen: ich erinnere nur an die Frauenkirche in Dresden, die am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde und die unter größter Anteilnahme von Menschen aus aller Welt als Zeichen der Versöhnung und der Hoffnung wieder auferbaut wurde. Hierbei ist anzumerken, dass dieser Wiederaufbau gegen den Willen der Kirchenleitung geschah, weil man dort wusste: (1) Es gibt für die Frauenkirche keine Gemeinde. Und zweitens - in der Nachbarschaft gibt es noch andere Kirchen, z.B. die ebenfalls berühmte Kreuzkirche, für die es nun deutlich schwerer werden wird, dass man sie wird erhalten können.
Zelte kann man abbauen und woanders problemlos wieder aufschlagen. Mit Tempeln und Kirchen ist das anders, obwohl wir bei all unseren Anstrengungen als christliche Kirchen immer in Erinnerung bewahren sollten, dass wir wie es der Hebräerbrief formuliert - hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige herbeisehnen. Und dennoch. Wir leben im Jetzt und wir leben in unserer schönen Stadt mit vielen schönen Kirchen. Aber tempora mutantur et nos in illis. Jede Generation muss ihren eigenen Weg finden. Sie will und muss dabei das Erbe der Mütter und Väter bewahren, aber sie muss sich auch den notwendigen Veränderungsprozessen stellen. Ich kann hier nur ein paar Stichworte anführen: viele Kirchen und Gemeindehäuser wurden gebaut in Zeiten, in denen unsere Bevölkerung und unsere Gemeinden wuchsen.
Ich will Ihnen ein paar Zahlen unserer Evangelischen Landeskirche in Württemberg nennen: In den knapp 1400 Kirchengemeinden, 51 Kirchenbezirken und etwa 50 kirchlichen Verbänden findet der Hauptanteil kirchlicher Arbeit statt. Sie sind auch Eigentümer von rund 6.000 Gebäuden, die dieser Arbeit dienen. Das sind etwa 1530 Kirchen, 250 Gemeindezentren, 1140 Gemeindehäuser, 1650 Pfarrhäuser, 780 Kindergärten, 40 Gebäude für soziale Einrichtungen, 84 Ferien- und Bildungsstätten und Gebäude für Verwaltung, Diakoniestationen, Beratungsstellen und Wohngebäude.
In den letzten Jahrzehnten sind diese Gebäude wesentlich mehr worden, auch die neuen Gebäuden kommen jetzt in die Jahre. Zugleich ändern sich die Anforderungen an Kirchengemeinden bei einer insgesamt seit vielen Jahren abnehmenden Gemeindegliederzahl. Zwei Vergleichszahlen können das veranschaulichen: In meiner Heimatstadt Göppingen lebten in den 50er und 60er Jahren 27.000 Evangelische, in dem Stadtteil, in dem wir wohnten und in dem meine Mutter Kirchengemeinderätin war, waren es 4.000 Evangelische. Heute sind es in Göppingen noch 9.000, in dem genanten Stadtteil noch 900 Evangelische. In Reutlingen waren es in den 50er und 60er Jahren 46.000, heute sind es noch 23.000 Evangelische. Also in Göppingen zwei Drittel weniger, in Reutlingen die Hälfte weniger. Die Kirchen partizipieren wie alle gesellschaftlichen Organisationen und Gruppen (Gewerkschaften; Parteien; Vereine) - am demographischen Wandel (Rückgang der Geburtenzahlen) und an der deutlich zurückgehenden Bereitschaft der Menschen, sich persönlich binden zu wollen.
Dieser Rückgang der Gemeindegliederzahlen ist schmerzlich, sehr schmerzlich. Aber er ist keine Katastrophe und schon gar nicht das Ende der christlichen Kirchen in Deutschland. Vielmehr fordern die Veränderungsprozesse uns heraus, über unseren Auftrag, über unsere Gebäude und über unseren Glauben nachzudenken. Der Rückgang der Gemeindegliederzahlen ist nicht überall gleich stark, aber doch werden unsere Gemeinden flächendeckend kleiner. Das können und dürfen wir nicht ignorieren. Vor allem auch dann nicht, wenn wir wie unsere kirchlichen Ordnungen es vorschreiben für unsere laufenden Haushalte keine Schulden aufnehmen dürfen und wir damit leben müssen, dass die finanziellen Spielräume der Kirchen erheblich enger werden. Dabei ist zu beachten: Wir können und wollen den kommenden Generationen keine unermesslichen Schuldenberge hinterlassen. Unsere Haushaltsordnung verbietet dies. Wir können und dürfen ihnen aber auch keine anderen Lasten auferlegen, unter denen sie zusammenbrechen müssen. Daher diskutieren viele Kirchengemeinden in einer grundlegenden Bestandsaufnahme ihre Arbeit. Sie unterziehen ihren Gebäudebestand einer Überprüfung und denken nach über Wege in die Zukunft.
C. Der Reutlinger Weg
So war das in den letzten Jahren auch in Reutlingen. Die gewählten Gremien der Gesamtkirchengemeinde haben in langen demokratisch verantworteten Prozessen (z.B. Zunkunftswerkstatt) ein Immobilienkonzept erarbeitet, das den veränderten Rahmenbedingungen Rechnung tragen soll. Ausgangspunkt waren dabei die Überlegungen, wie die kirchliche Arbeit auch in Zukunft gesichert werden kann. Entscheidend ist dabei der kirchliche Auftrag, das Evangelium in Wort und Tat in unsere Gesellschaft hineinzutragen und Gemeindearbeit weiterhin zu ermöglichen. So wurde beschlossen, eine die ursprünglichen Gemeindegrenzen zu überschreiten und eine am Sozialraum orientierte Gemeindearbeit zu planen und die dafür notwendigen Gebäude so zu sanieren, dass die Gesamtkirchengemeinde sie unterhalten kann. Dabei wurde mit darauf geachtet, dass die Wege zu den Kirchen und den Gemeindehäusern in einer zumutbaren Entfernung für die Gemeindeglieder liegen. Dies ist eine enorme Herausforderung und lässt sich nicht in jeder Hinsicht optimal bewältigen. Ich kann nur ein paar Beispiele anführen. Herr Riehle wird heute Nachmittag die architektonischen Lösungen dazu im Einzelnen vorstellen.
1)
Ich beginne mit der Nicolaikirche. Sie ist eine historisch bedeutsame Kirche, die das Stadtbild der Fußgängerzone entscheidend mitprägt. In den 50er Jahren gab es dort jährlich 60 Konfirmanden. In ihr wurden die Frühgottesdienste der Marienkirchengemeinde gefeiert. Mittlerweile ist die Zahl der Gemeindeglieder in der Stadtmitte erheblich kleiner geworden, so dass die Nicolaikirche nicht mehr für gemeindliche Zwecke benötigt wurde. So dachte man darüber nach, wie man dieses kirchliche und kulturelle Kleinod einer sinnvollen Nutzung zuführen konnte. Vor 13 Jahren begann dort die Arbeit der Vesperkirche. Man hat anfangs für die Vesperkirche die Bänke jedes Mal aus und dann wiedereingebaut. Das wurde mit derzeit zu aufwändig. Deshalb ist man dazu übergegangen, die Kirche mit Stühlen zu versehen. Allerdings war die Nutzung der Nicolaikirche durch die Vesperkirche doch ein überschaubarer Zeitraum. In der übrigen Zeit des Jahres war die Nutzung sehr eingeschränkt. Die Absicht einer neuen Nutzung der Nicolaikirche traf zusammen mit den schon seit einigen Jahren angestellten Überlegungen, wo man in Reutlingen am besten eine ökumenische Citykirchenarbeit verankern könne. Anfänglich war hierfür die Marienkirche vorgesehen. Damit aber konnten sich die katholischen Geschwister nicht so recht anfreunden. Und so bot sich die Nicloaikirche an für eine niederschwellige ökumenisch getragene Citykirche. Dieses Konzept ist m.E. vorbildlich und zukunftsfähig. Die Nicolaikirche bildet vom Bahnhof herkommend das Tor in die Reutlinger Fußgängerzone. Sie ist das Schaufenster für die kirchliche Arbeit in der Stadt. Sie ist ein Ort der Besinnung und der Begegnung. In ihr finden zeitaktuelle (z.B. Talkrunden) und kulturelle Veranstaltungen statt. Die Trägerschaft für die Nicolaikirche wurde einem Verein übertragen, so dass die Gesamtkirchengemeinde dadurch entlastet wurde und die Kirche dennoch eine sinnvolle Nutzung hat. Durch das integrierte Cafι Nicolai in Trägerschaft der Bruderhausdiakonie ist die Nicolaikirche zu einem spirituellen und diakonischen Begegnungszentrum geworden, in dem Menschen mit Assistenzbedarf einen sinnvollen Arbeitsplatz gefunden haben. Ich will sagen: So kann es gehen! Die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat ist hier Beispielgebend miteinander verbunden.
2)
Als zweites Beispiel für eine zukunftsfähige Konzeption will ich die Kreuzkirche anführen. Der Kirchengemeinderat der Kreuzkirchengemeinde hat nach einem langen Beratungsprozess beschlossen, die Gemeindearbeit an einer Stelle zu konzentrieren. Dafür hat man das Martin-Niemöller-Gemeindehaus und das Gemeindehaus in der Herderstraße aufgegeben und die Kreuzkirche so saniert, dass Kirche und Gemeindehaus unter einem Dach vereinigt werden konnten. Ich habe das im Einzelnen vor Ort nicht mitbekommen. Ich weiß nur, dass es ein schmerzhafter Prozess war. Überhaupt tut der Rückbau sehr weh, wenn man nicht etwas Neues, in die Zukunft Weisendes aufbaut. Das neue Gemeindezentrum der Kreuzkirchengemeinde wurde Anfang des Jahres in Dienst genommen. Wer heute die Kreuzkirche betritt und den Kirchenraum sowie die angrenzenden Gemeinderäume sieht, der wird vielleicht zustimmen können. Herr Riehle wird mit seinen Bilder zeigen, dass da für die Zukunft etwas Schönes und zugleich Zweckmäßiges entstanden ist.
3)
Als drittes Beispiel will ich die Leonhardskirche anführen, die eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. Die Leonhardskirche war Ende des 19. Jahrhunderts als Interims- und Ausweichkirche für die Zeit der umfassenden Renovierung der Marienkirche erbaut worden (Einweihung am 29. April 1894). Aufgrund der steigenden Gemeindegliederzahlen in der Stadt Reutlingen blieb sie auch nach Beendigung der Renovierungsarbeiten der Marienkirche als Gemeindekirche erhalten. Die bauliche Substanz der Kirche war aber schon nach 30 Jahren so brüchig geworden, dass sie immer wieder Anlass zur Sorge gab. In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wollte der Kirchengemeinderat der Leonhardskirchengemeinde die Kirche abbrechen und durch einen Neubau ersetzen. Nach den Worten des Baumeisters der Kirche, Baurat Heinrich Dolmetsch, war die Kirche auf eine Lebenszeit von 60 Jahren angelegt. Mittlerweile ist sie 115 Jahre alt und in ihrer Bausubstanz nicht mehr zukunftsfähig. Seit dem Jahr 2004 ist die Leonhardskirche Teil der Neuen Marienkirchengemeinde. Aufgrund der mangelhaften baulichen Substanz hat der Gesamtkirchengemeinderat die Aufgabe der Kirche beschlossen.
Wie geht es mit der Leonhardskirche weiter? Mit dieser Frage hat sich die Neue Marienkirchengemeinde beschäftigt. Und auch mit der Frage, an welchem Ort die Räume für die Gemeindearbeit vorgesehen werden sollten. Die kirchliche Arbeit, die in der Leonhardskirche getan wurde, soll nun einerseits in der Marienkirche und andererseits in das grundlegend neu konzeptionierte und sanierte Matthäus-Alber-Haus verlegt werden. Das Matthäus-Alber-Haus wurde vom Kirchengemeinderat neben der Marienkirche zum zentralen Mittelpunkt der Neuen Marienkirchengemeinde bestimmt. Andere Lösungen - etwa das ehemalige Dekanat wurden verworfen. Im Matthäus-Alber-Haus ist zudem der Ort des Dekanats, an dem Dekan, Schuldekan und auch das kirchliche Dienstleistungszentrum für die drei Kirchenbezirke im Landkreis Reutlingen, also Reutlingen, Bad Urach und Münsingen zusammengeführt sind und so eine enge Zusammenarbeit mit vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten gewährleistet ist. Das Matthäus-Alber-Haus besitzt auch erhebliche Bedeutung für die Reutlinger Gesamtkirchengemeinde und den Reutlinger Kirchenbezirk. Insgesamt handelt es sich um ein zukunftsfähiges Konzept, das für unsere gesamte Landeskirche Beispiel gebend ist. In allen Dekanaten unserer Landeskirche ist man dabei, ähnliche Schritte einzuleiten, aber nur wenige sind schon so weit wie Reutlingen.
Die kirchliche Arbeit, die in der Leonhardskirche in den zurückliegenden 115 Jahren getan wurde, wird also auch in Zukunft getan werden können. Dass dies für die Gemeindeglieder und die Pfarrer/innen zum Teil mit längeren Wegen und mit einer gewissen Umstellung der Gewohnheiten verbunden ist, soll nicht verschwiegen werden. Im Blick auf das Gebäude der Leonhardskirche zeichnet sich bis heute noch keine neue, zukunftsfähige Nutzung ab. Die Landeskirche war bereit, einen Abriss durchzuführen. Dies hätte allerdings einen sehr zeitraubenden Umsetzungsprozess bedeutet. Zudem wurde ein Abriss von der Denkmalpflege abgelehnt. Zurzeit werden jetzt verschiedene Möglichkeiten der Weiterverwendung geprüft. Vielleicht könnte ja eine ähnliche Lösung gefunden werden, wie ich sie in Hildesheim entdeckt habe. Dort wurde in das denkmalgeschützte Gemäuer einer Kirche ein Alten- und Pflegeheim integriert. So könnte die äußere Hülle erhalten bleiben und das Gebäude einer Nutzung zugeführt werden, die der ursprünglichen sehr nahe ist (Ich merke an, dass z.B. das Bistum Hildesheim in den nächsten Jahren 80 Kirchen schließen will. Hierfür wurde ein Kriterienkatalog erarbeitet. Unter der Internetadresse www.kirchenschwinden.de sind die Einzelheiten nachzulesen.).
4)
Ich habe drei Beispiele vorgestellt: Gelungene Beispiele für ein theologisch und wirtschaftlich gleichermaßen gelungenes Immobilienkonzept. Wie viel Anstrengung, Zeit und Herzblut eingebracht wurden und wie viel Wut, Enttäuschung und Trauer dabei bewältigt werden mussten, kann ich nur erahnen. Jedenfalls kann ich das gut verstehen und diese emotionalen Erregungen dürfen auch sein. Schließlich hängen unsere Herzen an den Gebäuden, mit denen wir schöne Erfahrungen verbinden. Mir geht das auch so mit meiner Tauf- und Konfirmationskirche in Göppingen, deren Abgabe auch lange diskutiert wurde und deren endgültige Verwendung noch nicht feststeht.
D. Fazit
In Reutlingen sind die notwendigen Veränderungsprozesse noch nicht abgeschlossen. Die Gremien der Gesamtkirchengemeinde und engagierte Gemeindeglieder sowie Förderkreise arbeiten zurzeit an zukunftsfähigen Konzepten für die Christuskirche, die Katharinenkirche, die Jubilatekirche in Orschelhagen und das Brenzgemeindehaus. Erste Überlegungen dazu gibt es auch im Dialog mit der Stadt Reutlingen. Aber bislang wurden noch keinen tragfähigen Lösungen gefunden werden.
Wozu braucht es Kirchen? Ich bin bei der Vorbereitung auf eine Verlautbarung der Evangelischen Akademikerschaft in Deutschland gestoßen, die im Februar 2008 an der Bauhaus-Universität in Weimar eine zu unserer Tagung vergleichbare Veranstaltung abgehalten hat. Die Ergebnisse wurden festgehalten im »Weimarer Votum«. Dort ist m.E. sehr schön zusammengefasst, wozu es Kirchen braucht. Ich will deshalb ein paar Sätze daraus zitieren (siehe dazu www.ekd.de/download/weimarer_votum.pdf.):
Nach christlichem Verständnis sind Kirchen Häuser Gottes für die Menschen. ... Kirchen
sind gebaute Glaubensbekenntnisse. Sie verbinden Erde und Himmel. Eine Kirche lädt ein zur
Begegnung mit Gott: im öffentlichen Gottesdienst der christlichen Gemeinde wie auch in der
privaten Andacht einzelner Menschen. Kirchen sind Räume der Besinnung und Ermutigung,
Räume des Segens und der Sendung. Sie dienen der Verkündigung des Wortes Gottes und der
Feier der Sakramente. Mit dieser Bestimmung wurden Kirchen seit Jahrhunderten errichtet,
bewahrt und weitergegeben.
Kirchen sind aber nie nur Kirche gewesen. Der anthropologischen Bedeutung eines Kirchbaus
entspricht der Identitätswert, hergeleitet von der individuellen biographischen Bedeutung
für den einzelnen Menschen und der je spezifischen soziokulturellen Bedeutung des Kirchengebäudes für die Gemeinschaft eines Ortes. Im Verlauf der zweitausendjährigen Geschichte
des Christentums wurden Kirchen zu Stätten des karitativen Engagements und der Pflege von
Kunst und Kultur. Sie bildeten Rückzugsorte und Schutzräume in Zeiten des Krieges, Orte
des politischen Engagements bis hin zum friedlichen Widerstand (1989). Sie waren und sind
Begegnungsstätte und Festraum für Christengemeinde wie Bürgergemeinde. Alles dies verlangt
nach öffentlicher Erbemitverantwortung des Gemeinwesens für die Kirchen.
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Prälat Dr. Christian Rose
Planie 35, 72764 Reutlingen
