Silke Schöttle: Männer von Welt

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Silke Schöttle: Männer von Welt

Exerzitien- und Sprachmeister am Collegium Illustre und an der Universität Tübingen 1594-1819.

Titelblatt

Kohlhammer Verlag Stuttgart 2016. (Veröffentlichungen der Kommission für Geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B, Band 209). LVIII, 598 Seiten und 2 Ausklapptafeln. Fester Einband 49,-€. ISBN 978-3-17-031383-5

Das von Baldassare Castigliones propagierte Bildungsideal des perfekten, körperlich wie geistig (arma et litterae) umfassend ausgebildeten Höflings prägte in der Frühen Neuzeit auch das Lehrangebot der Hochschulen. Wie die vom Adel besuchten Ritterakademien, in Tübingen von 1594 bis 1688 das Collegium Illustre, strebten auch die bürgerlich geprägten Universitäten danach, ihre Absolventen zu honnÍtes hommes zu formen. In kaum einem Vorlesungsverzeichnis der Epoche fehlten Angebote in den sogenannten Exerzitien, im Fechten und Fahnenschwingen, Tanzen, Reiten oder dem Ballspiel, hier vor allem im jeu de paume, einer Vorform des modernen Tennis. Exerzitien blieben bald nur noch auf körperliche Aktivitäten beschränkt, nicht auf geistige wie Schreiben, Reden, Zeichnen usw. (exercices d'esprit). Eine gewisse Sonderrolle nahm der Unterricht in den modernen Fremdsprachen ein. Auch in Tübingen bildeten die Sprachmeister mit 119 Personen die bei weitem größte Gruppe der Universitätsverwandten. Demgegenüber standen gerade einmal 18 Reit-, 19 Fecht-, 15 Tanz- und 14 Ballmeister. Wie an anderen frühmodernen Hochschulen erstreckte sich der Fremdsprachenunterricht auch in Tübingen vor allem auf das Französische und das Italienische. Das Spanische spielte eine Nebenrolle. Der Unterricht in den sogenannten heiligen Sprachen, in Latein, Griechisch und Hebräisch, blieb traditionell die Domäne der philosophischen Fakultäten der Hochschulen, oft aber auch bereits der Akademischen Gymnasien.

Nicht selten, besonders nach 1650, war die einzige Qualifikation der Sprachmeister der Status von Muttersprachlern. Im Fremdsprachenunterricht vor 1800 ging es nahezu ausschließlich um die Vermittlung von praktischen Fähigkeiten, nicht um neuphilologische Studien. Dies blieb dann dem 19. Jahrhundert vorbehalten. Die herausragende Bedeutung des Französischen und des Italienischen erklärt sich durch deren dominanten Rang als Kultursprachen. Nicht wenige Studenten hatten zudem im Rahmen ihrer akademischen Wanderungen französische und italienische Hochschulen besucht und während ihres Aufenthaltes Kenntnisse der Landessprachen erworben, die sie dann auch gerne in Gelegenheitsschriften, etwa in Glückwunschgedichten zeigten. Fast hundert Jahre existierten in Tübingen ab 1594/96 eine Ritterakademie, das Collegium Illustre, und eben die Universität. Beide Institutionen blieben auch personell eng miteinander verbunden. Als 1688 das Collegium Illustre aufgelöst wurde, musste sich die Universität der Aufgabe stellen, den Bildungsinteressen und -zielen junger Adliger ebenso wie der Bürger allein Rechnung zu tragen.

In bewundernswerter Akribie, gestützt auf umfangreiche Archivstudien, schildert die Autorin in ihrer Publikation in den Kapiteln II bis IV alle anfallenden Aspekte der Hochschulorganisation, die Position der diversen Meister im akademischen Sozialgefüge, deren Mobilität, Qualifikation und Rekrutierung, Besoldung durch den Landesherrn wie durch die Studenten. Einen sehr lebhaften Einblick in das akademische wie außerakademische Leben der Tübinger Studenten vermittelt Kap. IV. Die Universität konnte bei der Erhaltung von einzelnen Anlagen (Reitbahn, Fechtboden, Ballhaus, Geräte) beträchtliche Kosten sparen. Dies galt lange Zeit auch für die Sprachmeister, die von 1688 bis 1745 auf eigene Rechnung arbeiten und sich selbst durch Kolleggelder finanzieren mussten. Das Nebeneinander von Adelsakademie und Universität im 17. Jahrhundert blieb im deutschen Sprachraum einzigartig. Der soziale Status der Universitätsverwandten war durchaus heterogen. Im Gegensatz zu manchen Sprachmeistern hatten die Fecht-, Reit-, Tanz- und Ballmeister in aller Regel eine solide Berufsausbildung absolviert. Bei den Sprachmeistern zeichnete sich nach 1650 ein deutlicher Qualifikationsabfall ab. Nicht selten übten einzelne Personen auch verschiedene Funktionen aus, etwa Sprach- und Fechtmeister. Als Abwechslung zu den gelehrten Studien war das Angebot der Exerzitien bei den Studenten sehr beliebt und ein nicht unwichtiges Argument für die Wahl des Studienortes. Zum Verdruss etlicher Professoren verbrachten viele Studenten mehr Zeit auf dem Fechtboden, der Reitbahn oder dem Ballhaus als in den Hörsälen und Bibliotheken.

Von einmaliger Dichte und Tiefe ist der umfangreiche Anhang (S. 455-562), in dem uns die Autorin die 141 Tübinger Bereiter und Stallmeister, Fechtmeister, Tanzmeister, Ballmeister und Sprachmeister in chronologischer Abfolge vorstellt. Allzu bescheiden spricht sie von tabellarischen Kurzbiographien (S. 455). Dem Rezensenten ist keine ähnlich faktenreiche biographische Dokumentation aus der Universitätsgeschichte bekannt. Bis zu 38 Parameter (S. 457) hat das Erfassungsschema. Es geht längst nicht nur um die gängigen biographischen Daten. Die Biographien halten neben den biographischen Eckdaten zahllose genealogische Informationen bereit. Eine zentrale Rolle spielen die Tübinger Daten (Wohnung, Eintrag in die Matrikel usw.). Manchmal erfahren wir Details, die biographische Lexika selten drucken. Über den Sprachmeister Jean Baptiste Lequin heißt es auf S. 525 unter der Rubrik Aussehen/Charakter: Von langer Statur, von schlechten und nicht gar langen braunen Haaren, auch zimblich deutsch redet. Sehr instruktiv sind zudem die Tabellen und Diagramme (S. 566-584). Sie zeigen u. a., dass die Sprachmeister um 1600 die höchste Besoldung empfingen und einem Professor am Collegium Illustre gleichgestellt waren. Wie schon angesprochen, sanken im 18. Jahrhundert ihre Einkünfte dann allerdings drastisch. Damals verdienten die Reitmeister am besten. Was einzelne Berufsgruppen darüber hinaus an materiellen Zuwendungen (Getreide, Holz, Wein) bekamen, zeigen weitere Tabellen. Sorgfältige Personen- und Ortsregister tragen zur optimalen Erschließung der Publikation bei, die - wiederum durch geschickt ausgewählte Abbildungen angereichert wird. Die Universität Tübingen kann sich glücklich schätzen, nunmehr eine ausgesprochen fundierte, detaillierte Untersuchung ihrer frühneuzeitlichen Universitätsangehörigen zu besitzen. Die Dissertation liefert aber nicht nur neue Kenntnisse zur Tübinger Universitäts- und Stadtgeschichte, sondern auch zur Geschichte naheliegender protestantischer Universitäten wie Heidelberg oder Straßburg, obendrein zudem zur Sportgeschichte (Fechten, Reiten, Ballspiele) oder Musikgeschichte (Tanzmeister). Manche Berührungspunkte hat Schöttles Publikation mit einer neuen Geschichte der Tübinger Philosophischen Fakultät, besonders mit deren prosopographischen Anhang. Sollten eines Tages weitere Bände des Tübinger Professorenkatalogs herauskommen, lägen auch dafür fundierte Vorarbeiten vor. Nicht zuletzt kann auch das Romanistenlexikon von einigen bei Schöttle dokumentierten Sprachmeistern profitieren. Man kann anderen deutschen Hochschulen nur ähnlich gekonnte und tiefschürfende Darstellungen des Fächerquintetts wünschen. Die voluminöse, preisgekrönte Abhandlung ist nicht nur ein eminent wichtiger Beitrag zur Tübinger Stadt- und Universitätsgeschichte, sondern auch zur besseren Kenntnis der frühneuzeitlichen Universitätsangehörigen, die nach langer Vernachlässigung nun von der Forschung wieder größere Beachtung finden. Insofern trifft es sich gut, dass für die Universität Leipzig soeben eine sehr verwandte Abhandlung erschienen und eine weitere über studentische Ratgeberliteratur der Frühen Neuzeit angekündigt ist.

Manfred Komorowski
(http://informationsmittel-fuer-bibliotheken.de/showfile.php?id=8260)