Barbara Honner: Altstadtschriften. Tübinger Typografien.

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Barbara Honner: Altstadtschriften. Tübinger Typografien.

Bürger- und Verkehrsverein Tübingen 2017. 120 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Fadengeheftet 19,80. ISBN 978-3-00-056312-6

Titelblatt

Die "mittelalterliche" Tübinger Altstadt zählt gewiss zu den attraktivsten Sehenswürdigkeiten im württembergischen Land. Bewundert werden die Neckarfront und das die Stadt bekrönende Schloss, die winkligen und malerischen Straßen mit ihren schönen Fachwerkhäusern ebenso wie die stimmungsvollen Plätze bei der Stiftskirche, beim Rathaus oder an der Krummen Brücke oder die bedeutsamen geschichtsträchtigen Häuser: der Hölderlinturm, das Evangelische Stift, die Burse, die Neue Aula. Zahlreiche Publikationen, Rundgänge, Stadtführer bieten in allen gängigen Sprachen reichhaltige Informationen zur Geschichte, zur Architektur und Kunst, zu den Bewohnern und ihrem Wirken. So wie man dies nun eben von Stadt- und Reiseführern gewohnt ist. Wer eine Stadt ohne solche Anleitung besichtigt, wird vieles nicht sehen, an manchem, auch bedeutsamem, achtlos vorübergehen. Der Spruch was man nicht weiß, sieht man nicht!, beschreibt dies trefflich.

Zu einem Spaziergang mit einem ganz ungewöhnlichen Blick auf die Stadt, ihre Straßen, Plätze und Häuser lädt Barbara Honner in ihrem neuen Buch über Tübingen ein. Es könnte - um es gleich vorwegzunehmen - anderen Kommunen und Stadtbeschreibungen als Vorbild dienen. Die Autorin richtet ihr Augenmerk ganz allein auf das, was über oder an den Läden, Geschäften, Restaurants, Hotels oder öffentlichen Gebäuden geschrieben steht. Sie betrachtet, beschreibt, hinterfragt und erklärt die Altstadtschriften, die in der Regel kaum, meist gar nicht, wahrgenommen werden, an denen gewöhnlich auch Stadtkenner und -führer gleichgültig und gedankenlos vorbeieilen. Zu Recht weist die Autorin darauf hin, dass diese Aufschriften als historische Zeitzeugen und Gestaltungselemente nicht nur Bestandteil des öffentlichen Raumes sind, sondern der Stadt auch ein Gesicht verleihen und es wert sind, genauer betrachtet zu werden. Bislang waren es meist nur Denkmalpfleger, die den Wert von solchen Aufschriften als urbanes Kulturerbe erkannt haben.

Ganz neu ist ihr Ansatz nicht, wie Honner in ihrem Buch zu berichten weiß. In Berlin gibt es seit 2005 einen Verein, der durch Schriftzüge geschaffene Gestaltungselemente des öffentlichen Raums sammelt und in einem Buchstabenmuseum präsentiert. Ähnliches gilt für die österreichische Bundeshauptstadt Wien. Dort sammeln seit 2012 im Verein Stadtschrift engagierte Bürger historische Fassadenbeschriftungen, bewahren und dokumentieren sie. Dennoch dieses Buch ist nun etwas Neues: 162 Altstadtschriften bringt die Autorin zum Sprechen. Ja, der Leser staunt, was sie alles zusammengetragen hat und offenlegen kann: Immer sind es bemerkenswerte, oft überraschende und manchmal auch kuriose Geschichten, die sie über die Altstadtschriften zu erzählen weiß. Mit Hausgeschichten und Geschäftshistorien macht sie die stummen Tübinger Typografien gesprächig. Doch darüber hinaus versteht sie auch trefflich, die Schriften allein mittels der Typografie, der Schriftform und dem Schriftbild ihrem zeitlichen Kontext zuzuordnen und die damals herrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse aufzuhellen. Beginnend mit den Gebrochenen Schriften, der Fraktur, führt sie durch Tübingens Altstadt und nebenbei durch die ganze Welt der Schriften, zeigt auf, warum, wer sich für gut lesbare, seriöse Schriften entschieden hat oder aber elegante, gefällige Schriftformen bevorzugte oder doch eher auf klare und filigrane Formen setzte.

Zumal hübsch illustriert und sehr anschaulich ist Barbara Honner ein ungewöhnliches, informatives und unterhaltsames Buch zur Altstadt Tübingens gelungen, das ohne jede Einschränkung bestens empfohlen werden kann.

Wilfried Setzler