Rudolf Röder: Carl von Etzel und Ludwig von Klein.

. . . . . .

Rudolf Röder: Carl von Etzel und Ludwig von Klein.

Württembergs Eisenbahnpioniere und ihr Wirken in aller Welt.

Verlag Uwe Siedentop Heidenheim und Stuttgart 2016. 321 Seiten mit mehreren hundert meist farbigen Abbildungen. Fest gebunden € 27,50. ISBN 978-3-925887-04-8

Titelblatt

Auf dem bekannten mahnenden pietistischen Erbauungsbild Der breite und der schmale Weg von Charlotte Reihlen, im 19. Jahrhundert massenhaft aufgelegt und verteilt, führt auf der einen Seite nur ein schmaler und steiler Weg zur Offenbarung und zum himmlischen Jerusalem. Die Mehrzahl der Menschen aber strebt auf der gegenüberliegenden Seite, Lustbarkeiten folgend, auf einer breit angelegten Straße zu den Höllenflammen - auf die unverkennbar auch ein Eisenbahnzug zufährt. Rudolf Röder bemerkt in der Bildunterschrift zu diesem in seinem prächtigen Buch über württembergische Eisenbahnpioniere wiedergegebenen Bild zu Recht, dass eine solche tief in die Bevölkerung wirkende religiöse Grundhaltung für die Entwicklung des Eisenbahnbaus in Württemberg nicht gerade förderlich war. Und dennoch: Württemberg kommt in der Geschichte des internationalen Eisenbahnbaus eine die Größe des Landes weit überragende, überraschende und heute oft übersehene Bedeutung zu.

Württembergs Eisenbahngeschichte ist eng mit zwei Namen verbunden: Carl von Etzel, dem Sohn des bekannten Erbauers der Neuen Weinsteige in Stuttgart, und Ludwig von Klein; der eine von Haus aus Architekt, der andere Techniker. Doch ihr internationales Renommée erwarben sich beide im Brücken- und Tunnelbau, der Planung von Gebirgsstrecken im Rahmen des frühen Eisenbahnbaus und der Organisation der württembergischen Eisenbahnen. Etzel, Schüler des berühmten Architekten Nikolaus Friedrich Thouret, konstruierte bereits als 24-Jähriger seine erste Eisenbahnbrücke (Asnières bei Paris), ging 1840 nach Wien, wo er unter anderem die erste Schwimmhalle Europas in Stahlbauweise errichtete, und wurde 1843 als Oberbaurat bei der Württembergischen Eisenbahn-Commission angestellt. Rudolf Röder schildert in vielen spannenden Details, wie Etzel in den folgenden Jahren, oft gegen nicht geringen Widerstand, Ränkespiele und Anfeindungen - seine Standhaftigkeit war bemerkenswert - die württembergische Hauptbahn von Heilbronn nach Ulm plante und baute - vor allem den bahnbrechenden Albaufstieg der Geislinger Steige, die erste Gebirgsquerung Europas. Auch der grandiose, im Kern noch erhaltene Bietigheimer Enztalviadukt, der erste Stuttgarter Hauptbahnhof und der Rosensteintunnel gehören zu seinen bleibenden Leistungen im Lande.

Das Buch ist nicht nur dem frühen Eisenbahnbau in Württemberg gewidmet - gleichwohl hier der Schwerpunkt liegt, und dies macht das Buch so attraktiv -, sondern dem gesamten beruflichen Wirken Etzels und Kleins. Etzel wechselte 1853 in die Schweiz und später nach Österreich. Sein Werk dort ist kaum weniger bedeutend als in Württemberg, zählen dazu doch neben unzähligen kühnen und Geschichte machenden Brückenkonstruktionen auch der Hauensteintunnel und sein größtes Werk, die Brennerbahn. 1864 verstarb Etzel auf der Reise von Wien nach Stuttgart, wo er nach einem Schlaganfall seinen Ruhestand verleben wollte.

Ludwig Klein, Sohn eines böhmischen Gutsbesitzers, studierte technische Wissenschaften in Prag und kam über seinen Lehrer und Mentor Franz Anton von Gerstner zum Eisenbahnbau: zum Bau der Strecke St. Petersburg- Zarskoje-Selo. Mit Gerstner unternahm Klein ausgedehnte Reisen zum Eisenbahnwesen nach Belgien, England und in die USA. Vor allem letztere Reise hatte große Auswirkungen auf den württembergischen Eisenbahnbau. Und gleichsam en passant revolutionierte Klein auf der Reise die Technik zur Vermeidung des im wahren Wortsinn brandgefährlichen Funkenflugs aus den Lokomotivkaminen. Auch dieses Detail wird vom Autor ausführlich dargestellt und erläutert. Die hohe fachliche Kompetenz Kleins blieb in Württemberg nicht unbekannt, und so bedeutete ihm die Eisenbahn-Commission, sich um die Stelle eines technischen Betriebsdirektors der Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen zu bewerben. Sein zukünftiger Aufgabenbereich umfasste den gesamten technischen Betrieb, von der Belastbarkeit und Gestaltung des Oberbaus der Gleisanlagen über den Bahnhofsbau, die Wasserstationen, die Werkstätten, die Beschaffung von Lokomotiven und Waggons, die Fahrplangestaltung und Dienstvorschriften bis zur Nachrichtenübermittlung durch Telegraph, die gesamte Betriebsorganisation und anderes mehr. Und all diese Teilbereiche seiner Tätigkeit nutzt der Autor zugleich zu deren ausführlichen und reich bebilderten Darstellung.

Der in nur wenigen Jahren realisierte Bau der Zentralbahn und die folgende Blüte der württembergischen Eisenbahnen resultierte aus dem engen beruflichen Zusammenwirken des Tandem Etzel und Klein, wie Rudolf Röder tituliert. Hinzu kam, dass Etzel und Klein vorzügliche public relation betrieben, für sich selbst und für ihre Aufgabe, auch durch Herausgabe von Memoranden, Denkschriften, Zeitungsartikeln und verschiedener international beachteter Eisenbahnzeitschriften. Es würde den Umfang einer Rezension sprengen, wollte man schildern, wo und in welcher Funktion Ludwig von Klein sich im Land noch Verdienste erwarb: etwa als Aufseher der Bodensee- und Neckarschifffahrt sowie der Dampfkesselprüfung, als Mitglied des staatlichen Bergrats und fast möchte man sagen Vater des württembergischen Telegraphenwesens. Wegen fortschreitender Erblindung musste er 1877 aus dem Staatsdienst ausscheiden und noch ertragen, dass ihm von seiner Pension ein Drittel abgezogen wurde zur Finanzierung eines Stellvertreters. Er starb 1881 in München.

Präsentiert Rudolf Röder dem Leser ein Füllhorn an technik- und kulturgeschichtlicher Information, so ist das Buch zudem auch eine wahre Augenweide: Buchstäblich auf jeder Seite faszinieren prächtige Abbildungen, Konstruktionszeichnungen, herrliche Wiedergaben aus den Verkaufskatalogen der Esslinger Maschinenfabrik, Fotos, zeitgenössische Stiche und Pläne, allesamt sorgfältig ausgesucht, um den Leser zu fesseln, vor allem aber um mit bildlichen Zusatzinformationen den Text zu veranschaulichen. Das Buch ist bei aller Kompliziertheit des Dargestellten und Erklärten flüssig zu lesen, darüber hinaus ein wahrhaftes Kompendium zur Frühgeschichte des württembergischen Eisenbahnwesens - mit 28 Kurzbiographien der wichtigen Planer und Techniker (je mit Portrait), Darstellung nicht nur der Zentral-, sondern auch der Nord-, Süd- und Ostbahn und des so umstrittenen Anschlusses nach Westen, nach Baden. Und wer noch nie etwas vom atmosphärischen Antriebssystem für Eisenbahnen gehört hat, nämlich der Bewegung von Zügen nicht mittels Dampfkesseln in Lokomotiven, sondern durch von stationären dampfbetriebenen Pumpstationen erzeugtem Druck in zwischen den Gleisen liegenden ledernen Röhren, hier findet er die Erklärung - selbstverständlich samt Zeichnung.

Genug. Es macht Freude, das Buch in die Hand zu nehmen und darin zu schmökern - und dies immer wieder; und alles zu einem unglaublichen und angesichts der Qualität des Buches fast lächerlichen Preis.

Raimund Waibel