Hans Westphal: Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem.

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Hans Westphal: Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem.

Das Emblemprogramm der Stettener Schlosskapelle (1682).

Eine Sonderveröffentlichung der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2017. XXXVII, 400 Seiten mit 477 Abbildungen. Fester Einband 44,00. ISBN 978-3-17-033571-4

Titelblatt

Die malerische Ausgestaltung der Kapelle von Schloss Stetten im Remstal ist der kunsthistorischen Forschung seit Werner Fleischhauers Publikation Barock im Herzogtum Württemberg (1958) seit längerem bekannt. In der kunsthistorischen Forschung wurden die Malereien anschließend als ein herausragendes Beispiel protestantischer Sakralmalerei des 17. Jahrhunderts eingestuft und als Ausdruck der tiefen Frömmigkeit von Herzogin Magdalena Sibylla von Württemberg bewertet, u.a. von Adolph Schahl in seiner Gesamtdarstellung Die Kunstdenkmäler des Rems-Murr-Kreises (1983). Hans Westphal hat dieser malerischen Ausstattung der Stettener Schlosskapelle erstmalig eine umfangreiche Monografie gewidmet. Durch bisher unbekannte Archivalien, die Hans Westphal ausgewertet hat, liegen jetzt neue Fakten zur Entstehungsgeschichte des Bildprogramms und dessen Funktion vor.

Neben neun Deckengemälden ist die Innenraumgestaltung der Stettener Schlosskapelle optisch von einem umfangreichen Emblem-Programm geprägt, das zwischen 1681 und 1682 von dem württembergischen Hofmaler Georg Thomas Hopfer in monochromer Grisaille-Technik gemalt worden ist. Insbesondere für dieses Emblem-Programm hat Hans Westphal intensiv nach Vorlagen in der Buchemblematik und weiteren druckgrafischen Werken geforscht. Der Abgleich zwischen den Stettener Emblemen und möglichen druckgrafischen Vorlagen ist das Hauptanliegen der Monografie. Erstmals liegt nun ein Katalog vor, der die gesamte Ausmalung der Stettener Schlosskapelle und ihre möglichen Vorlagen dokumentiert.

Ursprünglich waren in der Schlosskapelle 83 Embleme vorhanden, so zumindest ist es der Predigt von Special-Superintendent Ehrenreich Weismann zur Kirchweih vom 12. Februar 1682 zu entnehmen, die noch im selben Jahr im Druck erschien. 48 dieser Embleme sind bis heute erhalten geblieben. Das Stettener Emblem-Programm gehört damit zu den umfangreichsten Emblem- Vorkommen in protestantischen Schlosskirchen im deutschsprachigen Raum. Es sind vor allem zwei bisher unbekannte Quellen, die die konzeptionellen Vorarbeiten vor der eigentlichen Ausmalung dokumentierten. Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart konnte Hans Westphal ein Manuskript aus der Feder Ehrenreichs nachweisen, betitelt als Emblematischer Kirchen-Schmuckh, dass zwanzig Stettener Embleme beschreibt und auslegt (Westphal 2017, S. 12 ff). In dieser Quelle wird die Bedeutung der Embleme als theologisch-erläuternde Vorbereitung für den Gottesdienst explizit genannt.

Dass Ehrenreich selbst als geistiger Vater des Bildprogramms in Frage kommt, verdeutlichen Ehrenreichs profunde Kenntnisse der Buchemblematik und eigene Emblem- Kreationen, die sowohl publiziert als auch unveröffentlicht nachzuweisen und zum Teil unter der Mithilfe von Herzogin Magdalena Sibylla entstanden sind (Westphal 2017, S. 22 ff.). Eine zweite Quelle, die Westphal im Generallandesarchiv Karlsruhe entdeckt hat, muss aus Sicht der Emblem-Forschung als kleine Sensation bewertet werden. Die in der Einweihungspredigt von Ehrenreich beschriebenen 83 Embleme konnte Hans Westphal in einem Zeichnungsheft (GLA Karlsruhe, HfK-Hs Nr. 171) nachweisen, in dem insgesamt 114 Embleme skizzenhaft aufgeführt sind. Eine Verbindung zwischen dem Zeichnungsheft und den Emblemen aus der Stettener Schlosskirche wurde bisher nicht angenommen. Durch den Quellenfund hat man nun Kenntnisse über das Aussehen der 35 verlorengegangenen Embleme. Ein Großteil der Arbeit ist dieser Vergleichsdokumentation vorbehalten (Westphal 2017, S. 2-375). Hans Westphal geht dabei folgend vor. Auf der einen Seite erscheinen die Primärquellen des jeweiligen Stettener Emblems und auf der gegenüberliegenden Seite mögliche Vorlagen aus der Buchemblematik und anderen druckgrafischen Werken. Durch diese Gegenüberstellung ist ihm ein übersichtlicher Katalog gelungen, der die Entstehungsgeschichte und die Konzeption der Stettener Embleme optisch und deskriptiv sichtbar gemacht hat.

Der Interpretation des Bildprogramms wird in der Publikation nur wenig Raum gegeben. Die Annahme Westphals, dass das Stettener Bildprogramm [...] ein frühpietistisches Zeugnis eines bewusst individuellen Glaubens [...]" (Zit.: Westphal 2017, S. 55) sei, wurde nicht über Emblem-Beispiele aus anderen protestantischen (Schloss-)Kirchen vergleichend geprüft, was zur Verifizierung oder Falsifizierung der These wünschenswert gewesen wäre. Insgesamt bietet die Monografie von Hans Westphal durch das Auffinden des Zeichnungsheftes und die Auswertung der vorhandenen Quellen für die landesgeschichtliche und die kunsthistorische Forschung einen immensen Beitrag. Außerdem ist es bisher nur wenigen Autoren gelungen, Embleme aus der sakralen Innenraumgestaltung im Abgleich mit ihren Vorlagen so umfangreich zu katalogisieren. Die nötigen Fakten zur Entstehungsgeschichte des Schlosses und der malerischen Ausgestaltung der Kirche, zum Lebensumfeld der Auftraggeberin und einführende Kapitel zur Emblematik liefern das benötigte Wissen auch für Leser ohne "emblematische" Vorkenntnisse, um die Komplexität des Bildprogramms nachvollziehen zu können.

Michael La Corte