Die Preisträger des Denkmalschutzpreises 2018

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Die Preisträger des Denkmalschutzpreises 2018

Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg zum 35. Mal vergeben. Anerkennung für vorbildliche Sanierungen durch private Eigentümer

Stuttgart. Bereits zum 35. Mal wird in diesem Jahr der Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg vergeben. Der Schwäbische Heimatbund und der Landesverein Badische Heimat zeichnen damit fünf besonders vorbildliche Beispiele von Sanierungen historisch bedeutender Bauten in Privateigentum aus. Wie seit 2006 ist die Finanzierung des Preises der Wüstenrot Stiftung zu verdanken.

Die Erhaltung der vielfältigen Denkmallandschaft in Baden-Württemberg ist nur durch die Bereitschaft der zahlreichen privaten Denkmaleigentümer möglich, die es angesichts der begrenzten finanziellen Bezuschussung durch Land und Kommunen nicht immer leicht haben, ihrer Verpflichtung zur Bewahrung des baulichen Kulturerbes nachzukommen. Denn dieses besteht nicht nur aus touristischen Highlights wie Kirchen, Burgen und Schlösser, sondern auch aus einer Vielzahl ebenso wichtiger Zeugnisse alltäglichen Bauens aus vielen Jahrhunderten, die unsere Ortbilder bereichern, so Dr. Gerhard Kabierske, der Vorsitzende der Jury für den Denkmalschutzpreis. Sie setzt sich zusammen aus Vertreterinnen und Vertretern der beiden auslobenden Vereine, der Wüstenrot Stiftung, der Landesdenkmalpflege, des Städtetags Baden-Württemberg und der Architektenkammer Baden-Württemberg.

Als Zeichen der Anerkennung erhalten die Bauherren eine Prämie von 5.000 Euro sowie eine Bronzeplakette zur Anbringung an ihrem Gebäude. Zudem ist die Auszeichnung mit Urkunden für die Eigentümer sowie die beteiligten Architekten und Restauratoren verbunden.
Finden Sie hier weitere Informationen über den Denkmalschutzpreis.

Die Preisträger des Denkmalschutzpreises Baden-Württemberg 2018

Städtisches Haus in Ulm

Büchsengasse 12, 89073 Ulm

Preisträger: Dieter Benz, Ulm | Architekt: Jörg Schmitz, Ulm

verputztes Haus mit grünen Fenstereinfassungen

Das sanierte Gebäude in Ulm – Aufnahmen: Bernd Langner, Ulrich Gräf

Der Architekt Jörg Schmitz, Architekt und Stadtbildpfleger in Ulm, konnte nicht anders, als 2015 das Haus zu kaufen, das ihm von einem Rechtsanwalt aus einer Nachlasssache angeboten wurde: ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung, eines der wenigen heil durch den Zweiten Weltkrieg gekommenen, bis ins Mittelalter zurückreichenden Bürgerhäuser in der Ulmer Innenstadt. Doch es war auch eine Immobilie, deren Zustand jedem Besitzer schlaflose Nächte bereiten musste. Mehr als ein halbes Jahrhundert war das Fachwerkhaus mit zwei Vollgeschossen über einem steinernen Erdgeschoss unbewohnt und ohne Bauunterhalt gewesen. Einen dilettantischen Versuch einer Modernisierung mit massiven Eingriffen in das Baugefüge hatte das Bauamt im Jahr 1970 eingestellt. Bis zu ihrem Tod hatte sich die alte Eigentümerin seither gegen alle Vorstöße der öffentlichen Hand zur Rettung der rapide verwahrlosenden Bausubstanz widersetzt. Die Herausforderungen waren deshalb immens und - so wurde ihm schnell klar - für Jörg Schmitz finanziell nicht zu schultern. Da übernahm sein Schwiegervater Dieter Benz das Haus und den Part des Bauherrn, und beide betrieben gemeinsam mit großem Engagement die Sanierung, die 2017 abgeschlossen werden konnte.

Anspruchsvolle wissenschaftliche und dendrochronologische Bauforschung sowie eine restauratorische Untersuchung brachten Licht in eine verästelte Baugeschichte des Anwesens. Die Holzkonstruktion des Hinterhauses geht bis in die Jahre um 1410 zurück, das heutige Vorderhaus und das Seitengebäude im Hof wurden 1618/19 errichtet, das Hinterhaus damals umgebaut. Ein weiterer Umbau, der auch die Straßenfassade betraf, erfolgte dann im 18. Jahrhundert. Vielfältige Befunde von spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Farbresten und Bemalungen, barocke Treppengeländer, Fliesenböden und Beschläge bis hin zur Haustür des 19. Jahrhunderts dokumentieren Kontinuität und Wandel einer handwerklich geprägten Wohnkultur im reichstädtischen Ulm.

Innenraum mit Fachwerk und modernem Büro

Aus dem völlig unsachgemäß behandelten Gebäude wurde ein Schmuckstück

Gemeinsam mit Denkmalbehörden fand der Architekt ein Konzept der Wiederbelebung des Anwesens mit Ladennutzung im Erdgeschoss sowie Büro- und Wohnnutzung in den oberen Stockwerken, welche das Gebäude nicht überlastet und auf seine Strukturen eingeht. Reparaturen und Ergänzungen erfolgten mit überdurchschnittlicher Sorgfalt, handwerklicher und restauratorischer Qualität. Partiell, vor allem an den Fassaden, wurden eindeutig interpretierbare Befunde zu Rekonstruktionen genutzt. Dies betrifft vor allem die Fenster an der Hauptansicht zur Büchsengasse, die in ihrer ungewöhnlichen bandartigen Form des 18. Jahrhunderts wiederhergestellt wurden, oder zerstörte Teile der Hof-Fassaden, wo arkadenartige Bogenstellungen im Erdgeschoss sichtbar gemacht und ergänzt wurden und das ursprüngliche Fachwerk mit einer nachgewiesenen ausdrucksstarken Rotfassung der Holzteile wiederhergestellt wurde. Das Haus hat durch diese überlegt eingesetzten Maßnahmen zweifellos frühere Gestaltqualität zurückgewonnen. Andererseits wurden neue Elemente auch in moderner Formensprache gestaltet, im Hof etwa das Schaufenster im Erdgeschoss, der Windfang am Aufgang zu den Wohnungen oder ein neuer Wandbrunnen, in den Wohnungen die Dachterrassen, Bäder oder erforderliche Treppen- und Geländereinbauten.

Rebleutehaus des Klosters Salem in Sipplingen

Im Breitenweingarten 10. 78354 Sipplingen (Bodenseekreis)

Preisträger: Familie Ackermann, Sipplingen | Architektin: Corinna Wagner-Sorg, Überlingen

verputztes Gebäude mit großem Dach

Das ehemalige Keltergebäude erstrahlt in historischem Glanz – Aufnahmen: Ulrich Gräf

Frau und Herr Ackermann waren die idealen Denkmalbauherren. Für Anregungen offen, flexibel und immer darauf bedacht, dem Haus gerecht zu werden, so äußert sich Corinna Wagner-Sorg, in Denkmalsanierungen erfahrene und bereits früher mit dem Denkmalschutzpreis ausgezeichnete Architektin aus Überlingen. Auch bei diesem Objekt in Sipplingen am Bodensee sollte die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Auftraggebern, Architektin, Bauforscherin, Denkmalpflegern, Restauratoren und Handwerkern, darunter auch der ebenfalls bereits als Beteiligter bei preisgekrönten Sanierungen bekannt gewordene Zimmermann Sebastian Schmäh, zu einem hervorragenden, beispielgebenden Ergebnis führen.

Das breit gelagerte zweigeschossige Haus mit hoch aufragendem Walmdach war um 1595 für den vom Klosters Salem betriebenen Weinanbau nahe des Bodenseeufers errichtet worden. Es ist ein gebautes Dokument für die auch in der Neuzeit noch bedeutende wirtschaftliche Rolle der für die Region so wichtigen Klostergemeinschaft. Ursprünglich völlig in Sichtfachwerk errichtet, befand sich im Erdgeschoss der rechten Haushälfte ehemals ein großer Torkel, ansonsten diente das Gebäude vor allem zur Unterbringung der zahlreichen Rebleute. Die genaue Bauuntersuchung ergab zahlreiche spätere Veränderungen. So wurden im 18. Jahrhundert im westlichen Gebäudeteil die Außenwände des Erdgeschosses durch Mauerwerk ersetzt, im 19. Jahrhundert erfolgte eine Aufteilung in zwei Haushälften, die heute noch besteht. Die innere Erschließung durch einen Mittelgang in Längsrichtung wurde damals kurzerhand durch eine Mauer getrennt. Dem kleineren westlichen Hausteil wurde 1866 für die landwirtschaftliche Nutzung ein Anbau angefügt, später im hangseitigen Erdgeschoss zudem ein Stall eingerichtet.

ausgebauter Dachraum mit offenem Gebälk

Der Dachraum eigent sich vorzüglich für großzügiges Wohnen

Diesen und zahlreichen weiteren Zeitschichten fügt sich nun im westlichen Hausteil einfühlsam eine weitere hinzu. Dabei wurde dem Bau nicht einfach eine neue Nutzung aufoktroyiert, sondern von den Befunden ausgehend überlegt, wie sich der Bau sinnvoll weitertradieren ließe, ohne seine geschichtliche Aussage zu schmälern. Erdgeschoss und Obergeschoss werden deshalb nur temporär als Ferienwohnungen vermietet. Da selbst in dieser ausgesprochenen Ferienregion im Winter kaum Tourismus herrscht, konnte man auf die in heutigen Wohnbereichen erwarteten Energiestandards verzichten. Dämmungen wurden überflüssig, und die weitgehend historischen Fenster behielten nach der Reparatur ihre Einfachverglasung. Der ehemalige Stall samt Futterkrippen dient heute als Fahrradraum.

Für die Eigentümer wurde dagegen im riesigen, mehrgeschossigen Dachraum eine dauerhaft zu nutzende, separate und großzügige Wohnung eingerichtet. Eine gestalterisch sich unterordnende Außentreppe führt auf der Rückseite des Scheunenanbaus des 19. Jahrhundert hinauf. Die Verbesserung der Belichtung des Speichers wurde mit Augenmaß realisiert. Auf der das Gesamtbild des Baues bestimmenden Dachfläche mit der alten Biberschwanzdeckung gibt es auf der Straßenseite keine zusätzlichen Gauben oder Dachflächenfenster. Farbfassungen wurden nach Befund ausgeführt, neue Bauteile, wie die Innentreppen im Dachstuhl, in modernen, aber nicht modischen Formen hinzugefügt. Bleibt zu hoffen, dass der östliche, noch größere Hausteil ebenso die Chance einer in handwerklicher und gestalterischer Hinsicht gleichfalls vorbildlichen Sanierung erhält.

Handwerkerhäuser in Stuttgart

Leonhardstraße 1/Jakobstraße 2, 70182 Stuttgart

Preisträger: Paul E. Eckert, Stuttgart | Architekt: Tomas Urban

Stadthaus mit barocken Elementen

Das wieder hergerichtete barocke Handwerkerhaus in Stuttgart – Aufnahmen: Paul Eckert, Ulrich Gräf

Als Paul E. Eckert 2013 nach einer Erbschaft alleine über die nebeneinander liegenden und miteinander verbundenen Häuser Leonhardstraße 1 und Jakobstraße 2 in Stuttgart verfügen konnte, beschloss er, die dringend notwendige Sanierung nicht unter dem Aspekt der Gewinnmaximierung durchzuführen. Dies war eine ausgesprochen idealistische Entscheidung angesichts der Möglichkeiten, welche ihm die Lage der Immobilie im Stadtzentrum der Landeshauptstadt und zugleich am Rand des Rotlichtmilieus des Leonhardsviertels eröffnete. Die Gebäude selbst hatten in den Jahren zuvor mit einer Bar in Erdgeschoss und ihren darüberliegenden Wohnungen dem einschlägigen Gewerbe gedient und waren baulich in einem heruntergekommenen Zustand.

Dabei ist das Doppelanwesen nach einem Jahrhundert mit starkem Großstadtwachstum, Kriegszerstörungen und dem ständigen Wandel städtebaulicher Leitbilder ein äußerst selten gewordenes bauliches Zeugnis für bürgerliches Wohnen des 18. Jahrhunderts in Stuttgart. Bei dem Eckgebäude handelt es sich um ein dreigeschossiges Mansarddachhaus mit charakteristischem Giebel zur Leonhardtstraße, in Fachwerk errichtet über einem massiven Erdgeschoss, das sich durch ungewöhnlich große Steinquader und eine aufwändige Bearbeitung auszeichnet. Auch im Keller fällt die besondere Qualität der Steinarbeiten auf, das hohe Tonnengewölbe ist ebenso aus massiven Quadern gefügt. Der mit Rokokozierrat reich dekorierte Sturz über der Haustür weist mit Initialen und Signet auf den Bauherrn Carl Friedrich Woelfle hin, einst Mitglied der Schlosserzunft, wie ein Hammer und zwei gekreuzte Schlüssel verraten. Die Jahreszahl verrät das Baujahr 1769. Eine Generation später lässt sich das Haus im Eigentum eines Kammerrats Jakob Riderer nachwiesen. Spätestens seit 1871 wurde das Erdgeschoss gastronomisch genutzt. In der bekannten Wirtschaft Zum Schatten soll noch Theodor Heuss häufig Gast gewesen sein, bevor sich auch hier eine Rotlichtbar breit machte. Das angrenzende Wohngebäude Jakobstraße 2, wahrscheinlich schon 1753 errichtet, ist dagegen auffallend klein mit nur zwei Geschossen und einem Mansarddach. Die Fassade des Erdgeschosses wurde später für einen Ladeneinbau in Stein neu aufgeführt.

Innenraum mit Sofa

Auch der ehemalige Gastraum des 19. Jahrhunderts wurde wieder hergestellt.

Der Sanierung der Gebäudegruppe durch den Architekten Tomas Urban 2015/16 ging eine detaillierte Bauuntersuchung voraus, die auch einzelne Farbbefunde untersuchte. Es zeigte sich, dass trotz vieler Umbauten hinter minderwertigen Einbauten der letzten Jahre etliche originale Ausstattungsteile erhalten geblieben waren: hölzerne Lamperien und Türumrahmungen, sparsame Stuckprofile und sogar ein barockes Treppengeländer aus der Erbauungszeit, aber auch charakteristische Ausbauelemente aus dem 19. Jahrhundert. Sie wurden alle in die behutsame Sanierung einbezogen, die trotz moderner Haustechnik und der Neugestaltung von Küchen und Bädern größere Eingriffe in die Bausubstanz vermied. Die im Inneren nach Entrümpelung der Bar wieder zu Tage getretenen bleiverglasten Fenster des 19. Jahrhunderts wurden restauriert und belichten nun wieder die Gaststube im Erdgeschoss. Im Gegensatz zur früheren Nutzung ist diese nun mit den Nebenräumen dem von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gegründeten Verein Apis vorbehalten, der hier den Prostituierten des Quartiers einen Rückzugsort von ihrer Arbeit sowie psychische Betreuung anbietet. Die Wohnungen in den Obergeschossen sind ausschließlich an die Mitarbeiter des Projekts vermietet.

Backhaus und Uhrturm in Forchtenberg

Hauptstraße 40, 74670 Forchtenberg (Hohenlohekreis)

Preisträger: Rolf Krämer, Forchtenberg | Architekturbüro Erich Kalis, Künzelsau

Ansicht eines Fachwerkgebäudes

Das Backhaus mit dem Uhrenturm wurde vorbildlich instand gesetzt – Aufnahmen: Ulrich Gräf

Seit seiner Jugend fühlt sich Rolf Krämer, Unternehmer in der Spielzeugbranche, in besonderer Weise mit seiner Heimatstadt Forchtenberg in Hohenlohe verbunden. Nur so ist sein erstaunliches Engagement bei der Sanierung eines ortsbildprägenden Bauensembles zu erklären, in die er viel Zeit, Herzblut und Geld gesteckt hat, ohne daraus einen finanziellen Nutzen ziehen zu können. Es ist, wie er äußert, eher eine Sache "des Herzens als eine rationale", die ihn antreibt.

Sein ungewöhnliches Hobby besteht in der Sanierung und Bauunterhaltung der malerischen Gebäudegruppe im Bereich des ehemaligen Brunnentors, dem Südzugang zu der auf einem Bergsporn liegenden Altstadt. Das bis ins Mittelalter zurückreichende Tor war wegen Baufälligkeit zwar 1830 beseitigt worden. Auf einem baulichen Rest westlich der Straße wurde jedoch ein turmartiges Bauteil in Fachwerk mit einem Dachreiter errichtet, an dem man die zuvor am Tor befindliche Uhr sowie die Uhrglocke neu anbrachte. Einige Jahre später erbaute der Stadtgeometer Hertweck direkt anschließend ein Gemeindebackhaus, das untere Geschoss in Stein, das obere mit einem Wohnraum für den Bäcker teilweise in Fachwerk. Im Erdgeschoss befinden sich noch heute zwei gemauerte Backöfen.

großes metallenes Uhrwerk

Das historische Uhrwerk geht auf das 15. Jahrhundert zurück

Dieses Backhaus, von Hertweck auch als Bauherr errichtet, war nach dem Verkauf an die Gemeinde 1869 nach Norden entlang der Stadtmauer um einen kleinen zweistöckigen Anbau erweitert worden. Zum Ensemble gehört außerdem der seit 1592 urkundlich nachweisbare "Untere Brunnen", der stadtseits hinter dem Uhrturm, angelehnt an die Stadtmauer, unterhalb des Straßenniveaus eingetieft ist und früher für die Wasserversorgung von Forchtenberg eine wichtige Rolle spielte. Seine ungewöhnliche Lage erklärt sich daraus, dass der Druck in der hölzernen Deichelleitung, die in einem Kanal unter dem Backhaus hindurchführte, nur bis zu diesem tiefsten Punkt innerhalb der Stadtmauern Wasser liefern konnte.

Noch bis 2011 war die Backstube an eine Pächterfamilie vermietet, für deren Zwecke das Innere in den 1950er-Jahren ohne Rücksicht auf den Charakter des Hauses modernisiert worden war. Nachdem das Backhaus nicht mehr verpachtet werden konnte, sah sich die Stadtverwaltung außerstande, für die weitere Unterhaltung des Baues ohne Nutzungsoption aufzukommen. Das war der Zeitpunkt für das persönliche Engagement von Rolf Krämer. Es war ihm ein Anliegen, das Anwesen zu erwerben und mit dem Architekturbüro Erich Kalis in Künzelsau eine behutsame Sanierung zu beginnen. Im Inneren ließ er alle Veränderungen der 1950er-Jahre rückbauen. Soweit als möglich wurden die Böden, die Fenster, das bröckelnde Mauerwerk der Stadtmauer sowie das marode Holzwerk repariert. Neue Teile wurden in gleicher Materialität und handwerklicher Technik ausgeführt mit Ausnahme eines modern gestalteten zweigeschossigen Glasanbaus in einem Rücksprung der äußeren Stadtmauerseite, der eine neue Treppe ins Obergeschoss aufnimmt.

Das Werk der alten Turmuhr war 1976 demontiert worden. Rolf Krämer spürte dessen Verbleib auf, und die Stadt war zu einer Rückführung an den alten Ort bereit. Die Restaurierung sollte eine kleine Sensation bringen: Im geschmiedeten Rahmen fand sich neben späteren eingravierten Jahreszahlen von Reparaturen auch eine früheste aus dem Jahr 1463. Die Forchtenberger Turmuhr ist somit eine der ältesten, die man gegenwärtig weltweit nachweisen kann. Im Rahmen von Stadtführungen ist sie zu besichtigen, und alle 14 Tage wird in der Backstube wieder Brot gebacken.

Terrassenbau der Uhrenfabrik Junghans in Schramberg

Lauterbacher Strasse 68, 78713 Schramberg (Kreis Rottweil)

Preisträger: Hans-Jochem und Hannes Steim | Architekten: Jürgen Bihlmaier und Arkas Förstner

terrassenartig ansteigendes Gebäude

Das sanierte Fabrikgebäude hat nach der Sanierung seinen markanten Charakter wieder erhalten – Aufnahmen: Thomas Weilacher, Ulrich Gräf

2009 kauften die aus Schramberg stammenden Unternehmer Hans-Jochem und Hannes Steim die bekannte Firma Junghans, den einst weltgrößten Uhrenproduzenten. Nach einer Phase des Niedergangs läuteten sie ein neues Kapitel für das seit 1861 bestehende Schramberger Traditionsunternehmen ein. Neben zahlreichen Fabrikgebäuden auf dem stadtteilgroßen Firmengelände wurden die Steims auch Eigentümer des sogenannten Terrassenbaus. Das Gebäude, das sich in neun Etagen eindrucksvoll den steilen Hang hinaufstaffelt, zählt zu den Inkunabeln des deutschen Industriebaus im frühen 20. Jahrhundert. Typologisch ist es singulär, bedingt durch die beengten Grundstücksverhältnisse der Fabrik im engen Schwarzwaldtal und aufgrund des Bedarfs an großen Sälen für die feinmechanische Montage. Lange Werkbänke sollten direkt an Fenstern stehen. Planer war der bedeutende Stuttgarter Industriearchitekt Philipp Jakob Manz, der hier mit einer rationalen Betonskelettkonstruktion die funktionale Ästhetik der Zwanziger Jahre vorwegnimmt, ohne dabei auf ein gewisses Pathos zu verzichten, das von der Symmetrie der Anlage herrührt, aber auch vom Kontrast der strengen Flachdacharchitektur der terrassierten Arbeitssäle zum Stakkato der Walmdächer auf den seitlich flankierenden Pavillons den Hang hinauf. Im Innern bieten die langgestreckten, talwärts weitestgehend in Glasfronten aufgelösten Säle sowie die seitlichen Treppenhäuser, die einen Höhenunterschied von über 21 Metern zu bewältigen haben, bei aller Funktionalität auch Perspektiven von geradezu theatralischer Raumwirkung. Bautechnik, Materialität und die Gestaltung der Details vermitteln größte Solidität - "Wertarbeit" im sprichwörtlichen Sinn.

Steil abfallendes Treppenhaus

Steil abfallende Treppenhäuser sind auch heute das Charakteristikum für die Bauten

Doch stellt das Bauwerk nicht nur aus gestalterischen, sondern auch aus historischen Gründen ein Kulturdenkmal dar. Errichtet 1916-18 mitten im Ersten Weltkrieg, ist es wie andere Manz-Bauten dieser Jahre ein aussagekräftiges Zeugnis für die damaligen Anstrengungen von Politik und Industrie, die Waffenproduktion für die verheerenden Materialschlachten in nie gekannte Ausmaße zu steigern. Und Junghans spielte damals als Lieferant von feinmechanischen Teilen eine kriegswichtige Rolle. Im Frieden tat der Bau gute Dienste für die Junghans'sche Uhrenfabrikation, bis veränderte Produktionsbedingungen und die Geschäftsentwicklung zu immer stärkerem Leerstand und mangelnder Bauunterhaltung führten. In den 1980er-Jahren war die denkmalgerechte Reparatur der Dächer zwar eine den Bau sichernde Maßnahme. Die fehlende adäquate Nutzung ließ die weitere Existenz des Gebäudes indes als unsicher erscheinen.

Es war ein Glücksfall, dass die neuen Eigentümer die Qualitäten des Terrassenbaus erkannten und ihn zum Museum für ihre durch Erwerbungen erweiterte bedeutende Uhrensammlung bestimmten. 2016-18 erfolgte unter Leitung der Schramberger Architekten Jürgen Bihlmeier und Arkas Förstner eine denkmalpflegerisch rundum vorbildliche Sanierung der Bausubstanz, die in allen Bereichen unter dem Vorzeichen behutsamer Reparatur und befundorientierter Wiederherstellung stand. Besonders kreativ gelöst erschien der Jury das Problem der behindertengerechten Erschließung des Gebäudes mit seinen vielen Geschossen. Ein Substanz schonender, außen liegender Schrägaufzug vor der Südseite vermittelt nun zwischen den neun Museumsebenen. Dort wurde ohne große Eingriffe mit dem Anbau eines Glasfoyers auch der neue Besucherzugang geschaffen.

Gerhard Kabierske