Nicole Bickhoff, Wolfgang Mährle und Eberhard Merk (Bearb.) Romantiker auf dem Lichtenstein.

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Nicole Bickhoff, Wolfgang Mährle und Eberhard Merk (Bearb.) Romantiker auf dem Lichtenstein.

Lebenswelten Herzog Wilhelms von Urach (1810–1869)

Begleitbuch zur Ausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg, Hauptstaatsarchiv Stuttgart 2018. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart 2018. 276 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Gebunden 22,– Euro. ISBN 978-3-17-035361-9

Titelblatt

2018 jährt sich die Gründung des Württembergischen Geschichts- und Altertumsvereins zum 175. Mal. Gründungsvorsitzender des Vereins war Graf bzw. Herzog Wilhelm von Urach, ein Mitglied einer Nebenlinie des Hauses Württemberg. Obwohl Herzog Wilhelm eine überaus faszinierende Persönlichkeit darstellt, die sich für ein breites Spektrum an militärischen, politischen, historischen, archäologischen, mathematischen und naturkundlichen Fragestellungen interessiert zeigte, hat dieser von der Forschung bislang nur sehr wenig Aufmerksamkeit erhalten. Das Interesse der Geschichtswissenschaft fokussiert sich vielmehr auf das von Wilhelm im Stile der Romantik in der Nähe von Reutlingen erbaute Schloss Lichtenstein. Nunmehr präsentiert das Hauptstaatsarchiv im Zusammenspiel mit dem Württembergischen Geschichts- und Altertumsverein eine Ausstellung aus den Beständen des Familienarchivs Urach, in der die vielgestaltigen Interessen des Herzogs und sein umfangreiches gesellschaftliches Wirken aufgezeigt werden.

Dem Band ist ein Beitrag von Wolfgang Mährle vorangestellt, in dem der Autor einen Überblick über das Leben Wilhelms von Urach gibt (S. 7–12). Wilhelm war der Sohn von Herzog Wilhelm von Württemberg, einem Bruder König Friedrichs I., und Prinzessin Wilhelmine von Tunderfeld-Rhodis. Die Ehe war aus Sicht des Hauses Württemberg nicht standesgemäß, weshalb Wilhelm und seine Geschwister nicht erbfolgeberechtigt waren. Wilhelm von Urach hat dies bis zur 1867 erfolgten Standeserhöhung zum Herzog von Urach als schwere Ungerechtigkeit empfunden. Dementsprechend war, nach Wolfgang Mährle, sein gesamtes Streben auf die Standeserhöhung gerichtet.

Seine breit gestreuten Interessen hat Wilhelm von beiden Elternteilen gleichsam ererbt. Der Vater war 1806 – 1815 württembergischer Kriegsminister und hat anschließend als Arzt praktiziert. Die Universität Tübingen hat ihm für seine naturwissenschaftlichen Forschungen 1817 den Ehrendoktortitel verliehen. Von der Mutter hat Wilhelm die Liebe zur Kunst ererbt. Das breite Interessenspektrum wurde ebenfalls durch die Erziehung Wilhelms auf der Anstalt von Philipp Emanuel von Fellenberg in der Nähe von Bern geprägt. Auf dem Institut Fellenbergs in Hofwyl erfolgte die Erziehung im Geiste der Aufklärung, theoretisches Wissen sollte mit praktischen Tätigkeiten in der Landwirtschaft kombiniert werden (dazu Nicole Bickhoff S. 73–91). Wie sein Bruder Alexander fühlte auch Graf Wilhelm sich zur Dichtung hingezogen, anders als sein Bruder quittierte er jedoch nicht den Militärdienst, sondern diente vielmehr über knapp vier Jahrzehnte in der württembergischen Armee (Katalogteil, S. 182–207). Natürlich machte Wilhelm als Angehöriger des Hauses Württemberg rasch Karriere und war bereits mit 30 Jahren Generalmajor. Jedoch waren es auch seine militärischen Fähigkeiten, die ihn 1855 zum Generalleutnant und schließlich 1857–1867 zum Kommandeur der Bundesfestung Ulm aufsteigen ließen.

Sehr erfolgreich war der Herzog bei seinen beiden Heiraten. In erster Ehe war er mit Prinzessin Theodolinde de Beauharnais von Leuchtenberg, einer Nichte König Ludwigs I. von Bayern, verheiratet (dazu Johannes Moosdiele-Hitzler, S. 29–38). Die Ehe bedeutete für ihn als Mitglied einer nicht erbberechtigten Seitenlinie des Hauses Württemberg einen Aufstieg. Allerdings stieß die Ehe lange Zeit auf Ressentiments bei der Schwäbische Heimat 2018/4 503 Schwiegermutter, Herzogin Auguste Amalie von Leuchtenberg, die nicht zuletzt darüber enttäuscht war, dass König Wilhelm von Württemberg eine Erhebung Graf Wilhelms in den Fürstenstand zu diesem Zeitpunkt verweigerte. Nach dem Tod seiner ersten Gattin (1857) heiratete Graf Wilhelm im Jahr 1863 ein weiteres Mal, in diesem Fall Fürstin Florestine Grimaldi, die Schwester von Fürst Charles III. von Monaco (dazu Thomas Blanchy, S. 39–56). Aufgrund der Tuberkulose-Erkrankung seiner Tochter Marie Josephine war Wilhelm während des Winters ab 1860 regelmäßig am Mittelmeer in Monte Carlo und kam hier gesellschaftlich mit der Familie Grimaldi in Kontakt. Für Charles III. bedeutete die Heirat seiner Schwester mit einem Vertreter des Hauses Württemberg einen wichtigen Schritt hin zur Anerkennung innerhalb der europäischen Fürstenhäuser. Bis dahin hatte das Fürstenhaus Grimaldi vor allem in Frankreich nach Ehepartnern Ausschau gehalten. In die Zeit von Fürst Charles III. fallen nun auch die Bemühungen, das Fürstentum Monaco aufzuwerten: Monaco sollte Badeort werden, genauso wie die Ansiedlung der Spielbank das Fürstentum nach vorne bringen sollte.

Das Haus Württemberg war evangelisch, die Häuser Leuchtenberg und Grimaldi katholisch. In beiden Fällen musste Wilhelm eine Erziehung seiner Kinder im Sinne der katholischen Konfession zusagen. Unter dem Eindruck eines Schlaganfalls sowie von Erkrankung und Tod seiner Tochter Eugenie ist Herzog Wilhelm 1867 zum katholischen Glauben übergetreten. Dabei spielte sicherlich auch eine Rolle, dass nach dem Thronwechsel von 1864 nunmehr die Erhebung Wilhelms in den Fürstenstand stattgefunden hatte (Eberhard Merk Die Entstehung des Hauses Urach, S. 13–28) und dieser jetzt im Hinblick auf seine Konfession keine politischen bzw. dynastischen Rücksichten mehr nehmen musste. Selbstverständlich widmen sich sowohl ein Aufsatz von Rolf Bidlingmaier (S. 93–119) als auch der Katalogteil IV (S. 248–272) dem in den Jahren 1839–1842 im Auftrag Graf Wilhelms gebauten Schloss Lichtenstein. Bemerkenswert ist, dass der Graf ein Schloss im Geiste der Romantik bauen ließ. Das Gedankengut der Romantik stand im Widerspruch zu den Idealen der Aufklärung, nach denen Wilhelm im Institut Fellenbergs bei Bern erzogen worden war. Auch bildete Lichtenstein einen Kontrapunkt zum klassizistischen Stuttgart unter König Wilhelm I. Das Schloss wurde zugleich zum Kommunikationsort Wilhelms mit Freunden und Bekannten. Zu diesen zählten gleichermaßen Beamte und Militärs sowie Künstler und Dichter, namentlich Justinus Kerner. Gemeinsam mit diesem Kreis bildete sich auf dem Lichtenstein auch die Gesellschaft Werft, die über schöngeistige Themen diskutierte. Doch Lichtenstein diente nicht nur schöngeistigen Interessen: Unter dem Eindruck der Revolution von 1848/1849 ließ Wilhelm das Schloss auch für Verteidigungszwecke aus Angst vor einem neuerlichen Aufstand ausbauen.

Im Nachgang der Revolution von 1848/1849 hat sich Wilhelm auch politisch betätigt (dazu Wolfgang Mährle, "Aus der Mappe eines Conservativen". Wilhelms politisches Engagement nach der Revolution 1848/1849, S. 57–72). In diesem Zusammenhang ist eine Reihe von Traktaten entstanden, in denen Wilhelm einen hochkonservativen Standpunkt artikuliert. Ein weiteres Mal hat sich Wilhelm zudem während des Krimkrieges publizistisch zu Wort gemeldet – dabei hat er klargemacht, dass eine europäische Ordnung seiner Überzeugung nach durch den Zusammenhalt der drei konservativen Ostmächte Russland, Österreich und Preußen garantiert werden müsse. Wolfgang Mährle stellt die politischen Schriften Wilhelms und dessen Wirken in der Parteipolitik dar. Jedoch waren die Versuche Wilhelms, 1849 an der Gründung einer konservativen Partei mitzuwirken, letztlich erfolglos.

Nicole Bickhoff wirft schließlich einen Blick auf die Forschungsinteressen des Herzogs, die verbunden waren mit einem breitgefächerten Engagement in Kunst und Wissenschaft (S. 73–89, vgl. auch Katalog Teil III, S. 208–247). So war der Graf bzw. der Herzog Gründungsmitglied des Vereins für Vaterländische Naturkunde (1844) sowie des Vereins für Mathematik und Naturwissenschaften in Ulm a. d. Donau (1865). Vor allem aber wird natürlich die durch den Grafen mit angestoßene Gründung des Württembergischen Altertumsvereins 1843 breit behandelt. So bekommen der Ausstellungsbesucher bzw. der Leser Einblick in die umfangreichen frühen Tätigkeiten des Württembergischen Altertumsvereins. Zu diesen gehörten u.a. eine Fülle von konservatorischen Maßnahmen an Kunstdenkmälern, aber auch zahlreiche archäologische Grabungen. Ebenfalls hatte der Württembergische Altertumsverein eine umfassende Sammlungstätigkeit ent wickelt. Freilich musste ein einzelner auf private Initiative fußender Verein mit Denkmalpflege und musealer Sammlung allein überfordert sein. Schlussendlich hat der Württembergische Altertumsverein dazu beigetragen, dass es 1858 zur Anstellung eines ersten staatlichen Konservators in Württemberg kam. 1862 erfolgte schließlich die Gründung der Sammlung vaterländischer Kunst- und Altertumsdenkmale. Dieser hat der Württembergische Altertumsverein schließlich seine Sammlungen übergeben.

Die umfangreiche Tätigkeit, gerade auch im bürgerlichen Vereinswesen, zeigt, wie der Graf als Repräsentant des Herrscherhauses integrierend in die württembergische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts hineingewirkt hat. Seine Ehen mit Frauen aus fürstlichen Häusern bedeuteten einen gesellschaftlichen Aufstieg. Hinzu traten sein Generalsrang und sein politisches Engagement im Dienste des Hauses Württemberg. In repräsentativer Hinsicht hatte er mit dem Bau von Schloss Lichtenstein ohnehin schon einen Akzent gesetzt. Von dem lesenswerten Sammelband wird jeder historisch interessierte Leser profitieren.

Michael Kitzing

[Text aus Informationsmittel (IFB): digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft, leicht gekürzt].