Die Reise der Frau Lotter aus Herrenberg nach America in den Jahren 1786 bis 1787

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Die Reise der Frau Lotter aus Herrenberg nach America in den Jahren 1786 bis 1787

Katharina Beiergrößlein und Jürgen Lotterer (Hrsg.). (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart, Bd. 112). Verlag regionalkultur Ubstadt-Weiher 2019. 272 Seiten, mit 24, zum Teil farbigen Abbildungen. Fester Einband € 22,–. ISBN 978-3-95505-132-7

Titelblatt

Katharina Beiergrößlein und Jürgen Lotterer sortieren im Stadtarchiv Stuttgart Nichtamtliches Schriftgut, Nachlässe und Archivalische Sammlungen. Bei dieser Arbeit stießen sie auf zwei Oktavhefte, von denen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, seit wann sie im Bestand sind. Es handelt sich um 117 in Tinte abgeschriebene Seiten.

Der Inhalt ist folgender: Ein Familienvater macht sich zusammen mit seinem Schwager in die Neue Welt auf und lässt Eheweib samt drei Töchtern im württembergischen Herrenberg ohne verlässliche Nachrichten. Weshalb die 39-jährige Frau beschließt, auf eigene Faust und mit wenig Barmitteln versehen, den Stand der Dinge an der amerikanischen Ostküste in Erfahrung zu bringen. Ihre drei Töchter hat sie vorher auf die Verwandtschaft verteilt. Sie erreicht Rotterdam über Ludwigsburg und Frankfurt, geht zusammen mit anderen deutschen Bauersleuten und Handwerkern an Bord der Brigg Dispatch, erleidet auf See Hunger, isst wurmstichigen Zwieback, wird seekrank, überlebt stürmische Winde und hohe Meereswogen, sieht unterwegs fliegende Fische, nimmt Teil am Schicksal der anderen Passagiere, geht endlich in Philadelphia von Bord des Zweimasters, segelt auf einem anderen Schiff noch weitere zweiundzwanzig Tage die Ostküste entlang, ehe sie ihre finale Destination, die Hafenstadt Charleston (heute im US-Bundesstaat South Carolina), erreicht. Dort macht sie Bekanntschaft mit Indigenen und afrikanischen Sklaven ebenso wie mit ausgewanderten Landsleuten. Von ihrem Ehemann wird sie mit Handschlag begrüßt. Eine Zeit lang verweilt sie bei ihm, aber über eine gemeinsame Zukunft werden sich die beiden nicht einig. Er versucht sie zu halten, rudert ihr noch ein Stück nach, als sie an Bord eines dänischen Schiffs Richtung Hamburg abreist, doch die Sehnsucht nach ihren Kindern gewinnt die Oberhand. So kehrt sie wieder allein zurück. Am Morgen des 15. Juni 1786 hatte ihre Fußreise Richtung Rotterdam begonnen. Am 14. Mai 1787 fährt sie abends 6 Uhr auf einem Bauernwagen durchs Nufringer Thore wieder in Herrenberg ein.

Das ist fraglos ein spannender Reisebericht. Dass im Mittelpunkt eine Frau steht, macht die Sache noch exotischer. Sie ist nicht die einzige, die im ausgehenden 18. Jahrhundert reiste, doch an der Tagesordnung waren Frauenreisen eher nicht. Emanzipierte Zeitgenossinnen vom Schlag einer Sophie von La Roche sind wenige Jahre vor der französischen Revolution die aufregende Ausnahme. Zwar enthält das vorliegende Buch auch ein Kapitel Frauenreisen im 18. Jahrhundert, aber den beiden Rechercheuren geht es weniger um Genderforschung, sondern darum, Frau Lotters Abenteuer zu überprüfen. Die Sache ist nämlich die: Was da im Stuttgarter Stadtarchiv ruht, stammt aus zweiter Hand. Es ist eine Abschrift, die ein gewisser Stuttgarter Bankier namens Carl Friedrich Tobias Lotter zu verantworten hat. Dieser Mann war an seiner Familiengeschichte sehr interessiert und hat dafür gesorgt, dass die Reisegeschichte nach ihrer ersten Niederschrift noch einmal abgeschrieben wurde. Vermutlich um 1878/79. Der Verbleib des Originals ist unbekannt. Wir haben es im vorliegenden Fall also mit dem Abschrieb eines Aufschriebs zu tun. Es wird aber noch komplizierter. Frau Lotter hat ihre abenteuerliche Geschichte, obwohl sie keine Analphabetin war, weder während ihrer Reise, noch unmittelbar nach ihrer Rückkehr, noch mit eigener Hand zu Papier gebracht. Vielleicht hat sie sich unterwegs Notizen gemacht. Wahrscheinlich aber ist es ein Gedächtnisprotokoll. Mit der Niederschrift wurde gut zwanzig Jahre nach der Reise ein Pfarrersmann namens Christian (von) Seubert betraut. Vermutlich zwischen 1805 und 1810. Die Fahndung nach ihm gestaltete sich für das Recherche-Duo wohl mindestens so aufwendig wie die Verifizierung des Aufgeschriebenen. Es ist allerdings nicht so, dass Frau Lotters Geschichte zum ersten Mal für die Öffentlichkeit ausgegraben worden ist. Gedruckte (Teil-)Veröffentlichungen sind aus den 1920er-Jahren bekannt und schon früher bestand die Absicht, die Story zu editieren. Neu ist der wissenschaftliche Ansatz im vorliegenden Buch. Es geht nicht darum, die Reiseerlebnisse, denen es oft an Zeit- und Ortsbezügen mangelt, reißerisch darzustellen, sondern das Erlebte innerhalb eines breiten historischen, ethnologischen und kulturellen Kontextes zu validieren.

Penible wissenschaftliche Detektivarbeit wurde da geleistet. Die Herausgeber haben Klimatabellen, Schiffslisten, Seekarten, Adressbücher, Kirchenregister und Adressenverzeichnisse durchforstet, Namen und Hafenprotokolle gecheckt, jedes Datum, jede Zahl nachgeschlagen. Solchermaßen ist der eigentliche 95-seitige Reisebericht zu einem opulenten Werk angeschwollen. Es ist der Anhang mit Registern, der 177 Seiten umfasst, und es sind die unzähligen Fußnoten im laufenden Text, die am Ende 272 Buchseiten ausmachen. Gerade die Fußnoten erlauben interessante Blicke in den transatlantischen Zeitspiegel für das ausgehende 18. Jahrhundert. Von den Rechercheuren erfährt der Lesende, dass der Ostersonntag 1787 auf den 8. April fiel, dass damals die Hauptstraßen von Charlestown unbefestigt waren, aber über Gehsteige verfügten, weiterhin erfolgt eine Aufklärung über Reiserouten und -mittel in den deutschen Landen, den Schiffsverkehr von europäischen zu amerikanischen Häfen, über das deutsche Beherbergungsgewerbe jener Zeit, über Auswandererbewegungen usw. Sogar das Bildnis des Rotterdamer Kapitäns haben die Herausgeber ausfindig gemacht. Sein Porträt ist im Buch auf Seite 30 abgebildet. Im Lotter´schen Aufschrieb heißt er Peter Feder. Die 18 Zeilen Fußnoten neben der Abbildung gelten aber keinem Peter Feder, sondern einem John oder Jan Veder. Die, wenn auch marginale Namensabweichung, wird mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn erklärt. Das darf, angesichts so großer Detailverliebtheit der Herausgeber, als kleiner Schönheitsfehler gewertet werden.

Auch der Stammbaum der Frau Lotter ist im Buch abgedruckt. In ihrem Reisebericht wird sie übrigens nicht müde, die Gastfreundschaft ihrer ausgewanderten Landsleute in Charlestown zu preisen. Die schwäbische Community bewies offenbar Gemeinschaftssinn und kümmerte sich mit Nächstenliebe um frisch eingetroffene Landsleute. Weshalb der Eindruck einer intakten transatlantischen Volksgemeinschaft entsteht. Wenn man bedenkt, dass der Reisebericht möglicherweise ums Jahr 1938 dem Stadtarchiv übereignet worden ist, könne man fast ins Grübeln kommen… Seit wann genau das Manuskript im Stadtarchiv aufbewahrt wird, wissen die beiden Herausgeber nicht mit Sicherheit. Es mag Ende der 1930er-Jahre oder erst Anfang der 1960er-Jahre gewesen sein, dass der Lotter´sche Nachlass dort eingeliefert worden ist.

Fazit: Das vorliegende Buch ist über den eigentlichen Reisebericht hinaus als Ergebnis einer formidablen wissenschaftlichen Spurensuche empfehlenswert. Es wurde eine immense Dokumentationsarbeit in das Projekt investiert, an der sich so manches Nachrichtenmagazin heutzutage eine Scheibe abschneiden könnte. Die Herausgeber haben bildlich gesprochen jeden Stein zweimal umgedreht und viele Fragezeichen ausgeräumt. Die grundsätzliche Frage, ob es sich im vorliegenden Fall um Fake News, Fiction oder um Fakten handelt, beantwortet das Herausgeber-Duo positiv: Eine in den Pennsylvania State Archives in Harrisburg aufgestöberte Passagierliste listet den Namen der Reisenden auf. Sie war also da.

Reinhold Fülle