Historische Dorfanalyse Heudorf: Projektverlauf, Ergebnis, Ausblick

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Historische Dorfanalyse Heudorf: Projektverlauf, Ergebnis, Ausblick

Die beiden Referate von Dr. Bernd Langner, Schwäbischer Heimatbund und Leiter des Heudorfer Projekts, - das zweite gemeinschaftlich mit dem Projektmitglied Hansjürgen Jäger - waren frei vorgetragen. Das folgende Thesenblatt gibt die Leitideen beider Vorträge wieder und war Bestandteil der Tagungsmappe.

Übersichtspapier von:

Dr. Bernd Langner und Hansjürgen Jäger

im Rahmen der Tagung
"Historische Dorfanalyse - Perspektiven für die Entwicklung im Ländlichen Raum"
am 27. Juni 2003 im Gemeinschaftshaus von Dürmentingen-Heudorf

Bei allem, worüber wir heute sprechen und diskutieren, stehen zwei Dinge im Vordergrund: das Dorf und die Menschen, die in diesem Dorf leben. Damit ist nicht nur Heudorf gemeint, sondern das Dorf allgemein - als Lebensraum, als Wirtschaftsraum, als Umgebung, in der unsere Kinder aufwachsen, in der wir alt werden, als Heimat. Und zu dieser Heimat gehört zu allererst der Mensch. Wir sprechen heute über Menschen und über das, was sie tun können, um ein großes Stück ihrer Heimat zu erhalten.

Bernd Langner während seines Refereats

Projektleiter Dr. Bernd Langner, Schwäbischer Heimatbund

Inhalt

Die eigentliche Dorfanalyse ist in diesem Papier jedoch nicht enthalten. In der ganzen Breite ist die "Historische Dorfanalyse Heudorf" in einem umfangreichen Bericht zusammengefasst. Diesen Bericht stellt der Schwäbische Heimatbund Kommunen, Planern, allen Institutionen, die mit der Dorfentwicklung zu tun haben, gerne zur Verfügung.

I. Allgemeine Informationen

Mit der Tagung am 27. Juni 2003 wird ein gut dreijähriges Projekt des Schwäbischen Heimatbundes, der Gemeinde Dürmentingen und des Ministeriums für Ernährung und Ländlichen Raum in Baden-Württemberg vorgestellt, welches das erste seiner Art in Baden-Württemberg und damit etwas bisher Einmaliges war. Eine kleine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern einer ländlichen Gemeinde hat den Versuch unternommen, die Geschichte ihres Dorfes unter einem besonderen Blickwinkel zu erforschen. Ihre Absicht war es, anhand zahlreicher historischer Quellen die in Jahrhunderten gewachsene Persönlichkeit ihres Dorfes zu entdecken. Ihr Ziel: Dieses Material einzubringen, um die künftige Entwicklung ihrer Gemeinde zu beeinflussen.

Rund fünfzehn Jahre liegt es zurück, dass aus der städtebaulichen Denkmalpflege heraus die Forderung gestellt wurde, die Entwicklung des Ländlichen Raumes weitaus fundierter auf eine geschichtsbezogene Grundlage zu stellen als bisher. Der Aufruf an Kommunen und Planer ging dahin, die individuellen Charakterzüge eines einzelnen Dorfes bei dessen Fortentwicklung stärker zu berücksichtigen. Durch die Auswertung historischer Quellen in den öffentlichen und privaten Archiven, Vermessungsämtern und anderen Behörden sollte es doch möglich sein, der Persönlichkeit auch einer ländlichen Gemeinde auf die Spur zu kommen. Wenn es gelänge, die lokale oder regionale Wirtschafts- und Sozialgeschichte herauszuarbeiten und deren Auswirkungen auf die räumlichen, baulichen und gesellschaftlichen Strukturen, würde man in der Lage sein, diese Strukturen bei der künftigen Planung auch hinreichend zu einzubeziehen und nicht am Dorf vorbei zu planen.

Hansjürgen Jäger referiert

Hansjürgen Jäger, Mitglied der Projektgruppe Heudorf

Nicht die Schlösser und Kirchen, Marktplätze und Bürgerhäuser, Parks und herrschaftliche Alleen waren es also, welche die Denkmalpfleger im Sinn hatten, sondern die einfachen, typischen Bauernhäuser, die Triebwege und Baumwiesen, die Hofstrukturen und Dorfweiher. Wenig also, das Denkmaleigenschaft besitzen würde - vieles jedoch, das eine einzelne Siedlung unverwechselbar macht, und manches, durch das ein Kulturdenkmal überhaupt erst als ein solches seinen Wert erhält. Ein verständlicher Aufruf auch, wenn man an die zahlreichen neuen 'Ortsmitten' denkt, die landauf, landab entstanden sind: eine der anderen immer ähnlicher und selten mit individuellem Flair.

Im Jahr 1995 nahm sich der Schwäbische Heimatbund dieser Idee an, nachdem es in Baden-Württemberg - im Unterschied zu anderen Bundesländern - keine gesetzliche Grundlage gab (und gibt), diese Forderungen und Fragestellungen in konkreten Planungsprozessen umzusetzen. Eine Modellphase mit drei Dörfern sollte den Nachweis oder zumindest Hinweise darauf erbringen, dass es sich lohnt, Akten zu wälzen, Archive zu durchforsten, Karten zu interpretieren, Kataster auszuwerten und alte Fotografien beizubringen.

Dass dieses Projekt nicht durch einen Historiker, Planungsberater oder Geographen im Alleingang durchgeführt wurde, sondern unter Beteiligung der Bürger, hat einen tiefen Sinn, denn die Bewohner eines Dorfes in dessen Entwicklung einzubeziehen, stiftet ein hohes Maß an Identifikation. Auch dies war aufzuzeigen: dass Bürgerinnen und Bürger willens und unter fachlicher Anleitung auch in der Lage sind, sich so intensiv mit der Geschichte ihres Dorfes zu beschäftigen, dass am Ende ein Instrument entsteht, welches allen an der Entwicklungsplanung Beteiligten eine wertvolle Hilfestellung gibt und für das es sich in der Bürgerschaft lohnt, notfalls zu kämpfen.

Die "Historische Dorfanalyse" vermag diese bedeutende Hilfe zu geben. Sie kann und will nicht dazu dienen, eine Planung zu ersetzen. Sie kann aber genügend Informationen liefern, damit am Ende alle Seiten stolz behaupten können, ihr Dorf habe trotz notwendiger Veränderungen sein Gesicht bewahrt, weil man in der Lage war, seine über Generationen hinweg entstandenen Eigenheiten mit in die Zukunft zu nehmen.

Der Modellprojekt möchte allen Interessierten anschaulich machen, wie eine solche Dorfanalyse angelegt sein könnte, wie sich die Durchführung gestaltet und welche Ergebnisse am Ende zu erzielen sind. Dass dabei nicht alle Möglichkeiten der Methodik, der Umsetzung und der Darstellung berücksichtigt werden können, liegt auf der Hand. So einzigartig wie unsere Landschaften, Städte und Gemeinden, so individuell werden auch stets die Projektergebnisse sein. Das Projekt und der Abschlussbericht wollen vor allem Ansporn sein, die Chancen nicht ungenutzt zu lassen.

II. Eine Historische Dorfanalyse erzählt keine Dorfgeschichten!

Projekt und Projektbericht dienen dazu, die Kenntnis des Vergangenen nutzbar zu machen für die Zukunft des Dorfes. Die Analyse stellt nur einen Ausschnitt aus all jenen Geschehnissen der zurückliegenden rund 2.000 Jahre dar. Sie ersetzt keine Dorfgeschichte, ist aber ein Teil von ihr. Sie ist daher keine heimatkundliche Sammlung verschiedenster Informationen, Begebenheiten, Abbildungen, Legenden und Beiträge.

An wen richtet sich die Dorfanalyse Heudorf?

Warum ist der Projektbericht so umfangreich?

Wie ist die Historische Dorfanalyse Heudorf aufgebaut und gegliedert?

III. Projektentwicklung der Historischen Dorfanalyse Heudorf

Zwischen 1991 und 1996 wurden am Landesdenkmalamt Baden-Württemberg durch drei Wissenschaftler Historische Dorfanalysen von zehn ausgesuchten Dörfern des Landes durchgeführt. Ziel dieses Pilotprojekts war es, deutlich zu machen, dass die vertiefte Beschäftigung mit den verschiedensten historischen Quellen zu einer gesteigerten Planungssicherheit führt, wenn es darum geht, das historische Werden, d.h. die über die Jahrhunderte gewachsene Persönlichkeit und Identität eines Dorfes, bei der Dorfentwicklung zu berücksichtigen.
Im Anschluss daran regte der Schwäbische Heimatbund an, den dort erarbeiteten methodischen Ansatz zu übernehmen und weitere Dörfer anzusprechen, die bereit wären, eine Historische Dorfanalyse in ihr anstehendes oder bereits angelaufenes Entwicklungsprogramm einzubeziehen. Als eine der ersten Gemeinden erklärte sich Dürmentingen (Kreis Biberach) bereit, mit seinem Teilort Heudorf an diesem Projekt teilzunehmen, sofern sich in der Bürgerschaft ausreichend Interessenten finden würden.

Überzeugungsarbeit

Im Jahr 1999 stellten Referenten des Schwäbischen Heimatbundes der interessierten Bevölkerung Heudorfs in Vorträgen sowie anhand von Plänen und Dias die Ziele, Formen und Inhalte einer historischen Dorfanalyse vor. Sie diskutieren mit den Bewohnern die Möglichkeiten und Chancen eines solchen Projekts. Die Bürgerschaft zeigte sich außerordentlich interessiert, und es wurden bereits erste konkrete Vorschläge gemacht. Im Sommer 1999 beschloss die Gemeinde Dürmentingen, das Modellprojekt in Heudorf zu installieren.

Die Einbindung der Bürger in eine historische Dorfanalyse
Wie bei vielen Vorhaben, zu denen das Land Fördermittel zur Verfügung stellt, steht auch in Heudorf die Bürgerbeteiligung im Mittelpunkt. Bereits durchgeführte Dorfanalysen haben zwar gezeigt, dass die Bearbeitung durch einzelne versierte Fachleute rasch und effektiv erfolgen kann. Andererseits ist gerade im ländlichen Raum die Gefahr groß, dass ein "Doktor aus der Stadt" an den Empfindungen und Interessen, aber auch am Wissen der Bürger vorbei forscht. Der Sinn der Dorfanalyse besteht aber gerade darin, die Identifikation der Bürger mit ihrem Lebensraum zu stärken, wenn nicht sogar wachzurufen.
Um dieses im nötigen Maß zu bewirken, braucht eine Dorfanalyse auch nicht nach wenigen Wochen abgeschlossen zu sein. Der stetige Aufbau eines Gerüsts, das Stück für Stück den Halt und die Plattform für eine sichere Entwicklungsplanung ergibt, kommt dem Willen der Bevölkerung, ohne Zeitdruck oder Bevormundung der Geschichtlichkeit ihres Orts auf die Spur(en) zu kommen, eindeutig näher.

Der Zeitfaktor und die Alternativen

Sowohl in der praktischen Durchführung als auch im Ergebnis unterscheidet sich die vorliegende "Historische Dorfanalyse" deutlich von jenen, die seinerzeit beim Landesdenkmalamt Baden-Württemberg angefertigt wurden. In der Tat ist es möglich, eine Dorfanalyse mit präzisen methodischen Vorgaben und straffer Darstellung in Wort und Bild in relativ kurzer Zeit durchzuführen.
Im vorliegenden Fall ist die Ausgangssituation jedoch eine andere: Zwar muss Bürgerbeteiligung nicht zwangsläufig zu einem lang andauernden Verfahren führen. Jedoch geschieht dies unweigerlich dann, wenn engagierte Dorfbewohner es für sinnvoll halten, noch tiefer in die Materie einzudringen als vielleicht nötig, und immer weitere Details ans Tageslicht fördern. Zwar obliegt es dem Projektleiter Einhalt zu gebieten, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und aus einer fundierten Dorfgeschichte keine Dorfgeschichten werden zu lassen. Doch wenn die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit Dorf und Geschichte dadurch gesteigert wird und sich dadurch die Chance erhöht, dass sie sich noch engagierter für ihren Lebensraum einsetzen, gibt es keinen Grund, sie aufzuhalten. Auch hierfür sind die Bürger Heudorfs und der Projektbericht ein gutes Beispiel.

Zwischenergebnis: eine Ausstellung

Während der Dauer von etwas mehr als drei Jahren haben Heudorfer Bürgerinnen und Bürger bis zum Frühjahr 2003 eine umfangreiche Analyse über das Werden ihres Dorfes seit dem 17. Jahrhundert bis heute erarbeitet. Die wichtigsten Quellen, die dabei benutzt wurden, waren: die Staats-, Landes-, Kreis- und Kirchen-, die Herrschafts- und Ortsarchive, die örtlichen Familienregister, Bauakten, die Unterlagen der Landesvermessung (Urkarte und Urkataster) von 1826, Güterbücher, Urbare, Feuerversicherungsakten, historische Karten und Fotografien, Luftbilder, Orts-, Kreis- und Landesbeschreibungen sowie Denkmalakten.
Um sich selbst den Wert der Mühe zu versichern und zugleich die Bürgerschaft teilhaben zu lassen, stellte sich die Projektgruppe ‚Historische Dorfanalyse Heudorf' im Mai 2001 mit einer umfangreichen Ausstellung und Präsentation ihrer Arbeit der Öffentlichkeit vor.
Auf zahlreichen Stellwänden wurden unter anderem historische und aktuelle Fotografien einander gegenüber gestellt, um den Wandel der Dorf- und Baustruktur sichtbar zu machen. Farbig angelegte Karten zur Sozial-, Bau- und Wirtschaftsgeschichte der letzten 200 Jahre illustrierten dies zusätzlich in mehreren Zeitschnitten. Weiter wurde mit Texttafeln, Genealogien und historischen Inventarbüchern im Original, die in einer Vitrine ausgestellt wurden, exemplarisch eine der Hofgeschichten sichtbar gemacht. Die Ausstellung umfasste etwa 75 Exponate sowie eine Power-Point-Präsentation, die mittels eines Projektionsgeräts für alle Besucher sichtbar und großflächig vorgestellt wurde.

Weitere Teilergebnisse

Hofgeschichten

Es wurde eine umfangreiche Datenbank mit der Entwicklungsgeschichte der historischen Hofstellen Heudorfs angelegt. Dies umfasst die Besitzergeschichte, die beruflich-soziale Entwicklung, Um- und Neubauten, Abbrüche u. dergl.
Dieses Verzeichnis greift auf Quellen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert zurück. Es wurde eine möglichst lückenlose Zusammenstellung angestrebt.

Ortsarchiv

Sichtung, Klassifizierung und Auswertung der Archivalien, die bislang noch nicht systematisch bearbeitet worden sind.

Fotodokumentation

Es wurden die wesentlichen Phänomene des aktuellen Dorfs fotografiert, so dass in sehr vielen Fällen eine Gegenüberstellung mit historischen Aufnahmen möglich ist, die ebenfalls zusammen getragen wurden.

Sozialtopographie

Anhand des historischen Katasters im Staatlichen Vermessungsamt Biberach sowie der Quellen im Ortsarchiv wurde die berufliche und soziale Gliederung Heudorfs für mehrere Zeitschnitte im 19. Jahrhundert, d.h. vor, während und nach der Industrialisierung kartiert.

Bauliche Entwicklung

Es wurden das Wachstum sowie weitere strukturelle Veränderungen Heudorfs seit 1826 kartiert.

Historische Lehensbezeichnungen

Anhand der Quellen im Staatsarchiv Sigmaringen konnten die historischen Lehensbezeichnungen der Heudorfer Höfe bestimmt und zugeordnet werden. In Heudorf sowie den umliegenden Gemeinden besaßen die Lehen Namen von Heiligen.

Historische Funktionen

Die bereits genannten Quellen ermöglichten eine Bestimmung von Sonderfunktionen auf Gebäuden oder in der Flur, wie Amtshaus, Mesnerhaus, Schmiede, Gasthöfe, Armenhaus, Farrenstall, Steinbruch, Krautgärten u.v.m.

Die Methodik

Wie bereits oben angedeutet, ist aufgrund der jeweils individuellen archivalischen, historischen und lokalen Bedingungen eine strenge Methodik nur dann sinnvoll, wenn für einen bestimmten Zweck weitgehend gleichwertige und miteinander vergleichbare Ergebnisse beabsichtigt sind - wie etwa bei den bayerischen Flurbereinigungsverfahren. Dieser Maßstab sollte in einer Modellsituation aber nicht angelegt werden, wo es darauf ankommt, die Möglichkeiten auszuloten, Stolpersteine zu erkennen, Probleme zu benennen oder ergänzende Fragestellungen herauszuarbeiten, die auch für andere Gemeinden von Bedeutung sein könnten.
Dennoch muss am Anfang eines Projekts ein methodischer Leitfaden stehen, der als erstes Gerüst für die Arbeit dient. Aus der Sicherheit dieses Grundrahmens heraus lassen sich dann leichter Änderungen, Ergänzungen oder Exkurse einführen. Detaillierte Informationen über einen solchen methodischen Leitfaden sind über den Referenten zu erhalten (Kontaktmöglichkeit am Ende dieses Papiers).
Auch in Heudorf stand zu Beginn des Bürger-Engagements solch ein Leitfaden, der die ersten Schritte begleitete. Seine Methodik geht dabei auf die Analysen des Landesdenkmalamts zurück. Da die Interessen der Projektteilnehmer phasenweise anders gelagert waren als in dieser Methodik vorgesehen und die Quellenlage auch ein Abweichen anbot, erwies es sich als praktisch, eine Arbeitsteilung vorzunehmen. Einige Rubriken des Abschlussberichts wurden durch den Moderator bearbeitet, andere durch die Projektteilnehmer.

Die Auswirkungen des Heudorfer Projekts

Da es sich um das erste Modellprojekt seiner Art im Land handelt, lassen sich hierüber gegenwärtig nur wenige konkrete Aussagen machen. Ausgehend von dem Ansatz, mit dem der Schwäbische Heimatbund das Projekt initiiert hat, sind verschiedene Gesichtspunkte von Bedeutung:

  1. Die Auswirkungen auf die Dorfentwicklung in Dürmentingen-Heudorf:
    Hierbei muss sich erweisen, inwieweit die Kommune sowie die nicht am Projekt beteiligten Bürger bereit sind, die Ergebnisse der Dorfanalyse in ihre Entscheidungen einfließen zu lassen und in welchem Maß die Projektteilnehmer diese Ergebnisse gegebenenfalls auch durchzusetzen bereit sind.
  2. Die Auswirkungen auf die Entwicklung im Ländlichen Raum der nächsten Jahre:
    Hier wird von Bedeutung sein, wie groß bei Kommunen, Planern und den involvierten Kreis- und Landesbehörden die Bereitschaft ist, sich mit dem Projekt hinsichtlich seiner Zielsetzung, seiner Methode und seinem Ergebnis auseinander zu setzen.
  3. Die Auswirkungen auf das Problembewusstsein:
    Hierbei gilt ähnlich wie im vorausgegangenen Punkt, dass die Relevanz einer solchen Analyse in dem Maße steigt, in dem bereits in Schulen, Weiterbildungseinrichtungen, in den übergeordneten Institutionen der Gemeinden und Städte, in der Denkmalpflege und im Naturschutz, in den Archiven und bei allen sonstigen Personen bzw. Einrichtungen dieses Thema diskutiert und die Durchführung in Erwägung gezogen wird.

IV. Ein Fazit aus der Sicht des Moderators

Als sich die Bürgerinnen und Bürger Heudorfs erstmals mit dem Projektleiter des Schwäbischen Heimatbundes zusammensetzten, um einen Plan für die künftigen drei Jahre aufzusetzen, wusste noch niemand, zu welchen Ergebnissen die "Bürgerinitiative Historische Dorfanalyse" einmal kommen würde. Bei allem Interesse gehörte doch lange Zeit das "Wozu ist das eigentlich gut?" zu den häufig gestellten Fragen der Heudorfer. Für den Moderator stand vor allem die Frage im Vordergrund, ob es gelingen würde, die ursprünglich stark wissenschaftlich und auf Aspekte der Denkmalpflege ausgerichtete Methode auf ein bürgerbeteiligtes Projekt zu übertragen, und ob sich nicht eine große Zahl von engagierten Dorfbewohnern nach einer gewissen Zeit anderen Dingen zuwenden würde.

Tatsächlich war die Teilnehmerzahl im ersten Jahr etwas größer als am Ende und in der Tat gab es hinsichtlich der Motivation und Begeisterungsfähigkeit bei einigen Personen Schwankungen. Das Engagement war aber immer dann am größten, wenn ein bestimmtes Ziel vor Augen lag: vor allem die Ausstellung im Sommer 2001, oder aber die Lösung des 'Puzzles', welches das Lagerbuch von 1667 aufgab.

Abweichungen vom Plan

Wie bei einem Modellversuch kaum anders zu erwarten, stellte sich im Verlauf des Projekts mehrfach heraus, dass einige Intentionen nicht in der ursprünglichen Form realisiert werden konnten oder abgewandelt werden mussten. Insbesondere zeigte sich, dass die zuvor entwickelte und unter anderen Rahmenbedingungen durchaus erfolgreich erprobte Methodik nur in groben Zügen als Grundlage herangezogen werden konnte.

Ein wesentliches Motivations-Element bestand beispielsweise darin, den Teilnehmern bei ihrem Engagement eben kein methodisches ‚Korsett' aufzuzwingen. Dennoch war es - vor allem aus zeitlichen Gründen - zuweilen erforderlich, die Arbeit an dem ein oder anderen interessanten Themenbereich abzuschließen, auch wenn noch unbearbeitetes Quellenmaterial vorhanden war.

Bei einer kurzen Tagung im Sommer 2001, an der Vertreter des Schwäbischen Heimatbundes, der Gemeinde Dürmentingen sowie die Projektgruppe teilnahmen, stellte sich heraus, dass es gerade dieser "offene Charakter" sowohl des Projekts als auch des zu erwartenden Berichts war, der von allen Seiten als positiv bewertet wurde. Auch die Hingabe der Gruppe bei der Beschäftigung mit den "Hofgeschichten", welche unter anderen Vorzeichen sicherlich nicht in dieser Intensität erforscht worden wären, wurde von den Tagungsteilnehmern begrüßt.

Man sollte deshalb meines Erachtens nicht davon sprechen, man sei vom 'Plan' abgewichen. Im Gegenteil: Die "Historische Dorfanalyse Heudorf" hat sich eben erst allmählich und in einer nicht planbaren Form zusammengefügt. Dass die Aufgabe, die Arbeit immer wieder auf die Grundfragen der Planungsrelevanz zurückzuführen, manchmal nicht leicht war, gehört aber ebenfalls zum Projektergebnis dazu.

Für die Bürgerinnen und Bürger geht die Arbeit weiter: Sie haben beschlossen, die Dorfgeschichte weiter zu erforschen! Auch dies ist ein erster Erfolg: dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit des Dorfes nicht mit dem Abschlussbericht endet, sondern dass man nicht locker lassen will, bis auch der letzte Winkel der Archive durchleuchtet ist. Auch auf diese Weise werden diese Bürger und die zu ihnen aufschließenden auch künftig in der Lage sein, die Entwicklung ihres Dorfes zu beeinflussen.

Die Mitgliederstruktur des Projekts und der Zeitfaktor

Zu den interessantesten Erfahrungen gehörte es, dass die Altersspanne zumindest in der ersten Zeit recht groß war. Die jüngsten Teilnehmer waren etwa 20 Jahre alt, der älteste über vierzig Jahre älter. Allerdings vermisste man die jungen Heudorfer, als es an die konkrete Projektarbeit ging.

Archivarbeit - ein Buch mit sieben Siegeln?

Ich sehe es weiter als alles andere als problematisch bei der Zusammensetzung einer Projektgruppe an, dass nur die wenigsten überhaupt schon Erfahrungen mit der Arbeit in einem Archiv, beim Lesen von alten Urkunden oder dem Verstehen von Karten haben. Diese Defizite aufzuarbeiten, fördert schließlich die Motivation. Allerdings - auch das hat sich bei der Arbeit in Heudorf gezeigt - sollte doch der ein oder andere schon näher mit diesen Dingen vertraut sein. Beginnend bei den Schriften, über die besondere Terminologie, bis etwa zu der Frage, wie und wo man an geeignetes Material herankommt und wie dieses einzuordnen ist: ohne diese Hilfestellungen bleibt die Gruppe schnell stecken. Ein Moderator kann dies schon aufgrund dessen, dass er nur sporadisch vor Ort sein kann, nur in begrenztem Umfang leisten.

Insgesamt war der Projektverlauf zwar manchmal stockend, sind manche Fragen offen geblieben, hat man sich im einen oder anderen Fall von der Ausgangsfrage ein wenig entfernt, doch zeigt das Ergebnis (nicht nur in Form des vorliegenden Berichts), dass eine nennenswerte Zahl von Bürgern immer bereit ist, sich für die Zukunft ihres Dorfes einzusetzen, indem man zunächst einmal die Vergangenheit zu verstehen versucht. Dieses Ergebnis ist sicher auch auf andere Gemeinden im Ländlichen Raum unseres Landes übertragbar und sollte entsprechend auch als Auftrag verstanden werden.

V. Ein Fazit aus der Sicht der Heudorfer BürgerInnen

Am 10. April 1999 trafen sich etwa 25 Heudorfer Mitbürgerinnen und Mitbürger zur Informationsveranstaltung des Schwäbischen Heimatbundes und der Akademie Ländlicher Raum. Es ging um die Frage, ob es möglich wäre, eine historische Dorfanalyse unseres Ortes unter fachlicher Anleitung durch engagierte Heudorfer verwirklichen zu können.
Mit dem arbeitsintensiven Umbau eines landwirtschaftlichen Anwesens zu einem Dorfgemeinschaftshaus engagierten sich bereits viele Heudorfer seit längerem in ihrer Freizeit. So waren viele Ortsbewohner zunächst skeptisch, ob eine zweite zeitaufwendige und über einen längeren Zeitraum dauernde Maßnahme im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements durchzuführen sei. Die anwesenden Heudorfer zeigten sich aber sehr interessiert und schlugen spontan etliche Themengebiete zur Bearbeitung vor.

Mittlerweile sind vier Jahre vergangen und es ist eine Menge passiert. Nach der Genehmigung des Projekts im Frühjahr 2000 fand der erste Arbeitseinsatz in Form eines Besuchs im Staatlichen Vermessungsamt Biberach im Sommer 2000 statt, bei dem der Katasterauszug von 1826 sowie das hierzu gehörige Kartenwerk von Heudorf für eine Auswertung kopiert wurden.

Mit Bedauern war festzustellen, dass die Zahl der Interessierten mit Beginn der eigentlichen Arbeit stark nachließ. Seit November 2000 hat sich die Zahl der Projektteilnehmer nicht mehr verändert und beträgt einschließlich unseres wissenschaftlichen Moderators neun Personen.

Bürgerinteresse vs. Grundmethodik?

Bei den ersten Arbeitstreffen mit dem Projektleiter formulierten die Teilnehmer nachhaltig, dass für sie eine rein gebäudebezogene, entpersonalisierte Dorfanalyse zu abstrakt und gehaltlos sei. Für die Projektteilnehmer war besonders spannend herauszufinden, welche Personen die zum Teil mehrere Jahrhunderte existierenden Höfe bewohnt haben. Natürlich erhofften sich die meisten Teilnehmer auch, auf frühe Wurzeln der eigenen Familie zu stoßen. Großteils war die Kenntnis über die eigene Familiengeschichte beim Großvater, spätestens beim Urgroßvater zu Ende. Das Ergebnis, das in Form der Hofgeschichten zustande kam, entschädigte die aktiv Beteiligten für die zeitaufwendigen Untersuchungen.
In der dreijährigen Arbeit zeigten sich immer wieder Probleme, die es zu lösen galt. Zu Beginn war für die Gruppe weder ein konkreter Weg noch ein klares Ziel erkennbar. Dies führte bei vielen zu einem Gefühl der Unsicherheit. Wegen der öffentlichen Förderung war auch eine latente Belastung zu spüren, am Ende etwas Brauchbares und Sinnvolles abliefern zu müssen. Dies hielt die Gruppe stark zusammen und schuf ein freundschaftliches Miteinander.

Hilfreich war der Leitfaden zur historischen Dorfanalyse. Dieses Grobkonzept unseres Projektleiters war jedoch für etliche Projektteilnehmer mit vielen Unbekannten versehen, die es nach und nach zu klären galt. Nicht optimal war die große räumliche Entfernung zwischen Projektleiter und Gruppe. Viele Fragen und Probleme mussten bis zum nächsten Zusammentreffen aufgeschoben werden. Neben der erwähnten räumlichen Distanz gab es auf beiden Seiten auch zeitliche Koordinationsprobleme, da verschieden Projektteilnehmer in ihrer Freizeit noch in Vereinen und anderen ehrenamtlichen Bereichen tätig sind. So war von Anfang an klar, dass es nur zu einem sporadischen Meinungsaustausch mit dem Projektleiter kommen konnte.

"Wo fangen wir an?"

Diese häufig gestellte Frage führte zunächst zur Suche nach Quellenmaterial. Im Heudorfer Rathaus gab es keinerlei Archivalien zur Geschichte Heudorfs. Ein Projektteilnehmer durchforste das Rathaus Dürmentingen und fand im dortigen Keller unsachgemäß gelagertes Material zur Teilgemeinde Heudorf, das damals bei der Eingemeindung dorthin verbracht worden war. Es handelt sich dabei um Aktenbündel und Amtbücher, die sich nicht in bestem Zustand befanden.
Vermutlich ist die Situation in vielen anderen Gemeinden diesbezüglich kaum besser. Häufig herrscht in Bürgermeisterämtern Raumknappheit, so dass es nicht verwundern darf, wenn alte Dokumente, die für viele Mitarbeiter kaum lesbar sind, in den schlechtesten Räumen "endgelagert" werden. Insofern sieht sich die Projektgruppe auch ein Stück weit als Retter historischer Quellen.

Das ausgehobene Material Heudorfs war völlig ungeordnet. In mühsamer Kleinarbeit wurden die Archivalien sortiert und nach Sachgebieten geordnet, wie z.B. Gemeinderatsprotokolle, Brandversicherungskataster, Feuerversicherungsbücher, Schätzungsprotokolle, Kauf- und Inventarbücher, Gewerbesteuerkataster usw.

Die Projektteilnehmer mussten lernen, die alten Schriften zu entziffern. Bei sehr alten Archivalien war die Gruppe immer wieder auf die Hilfe eines Gruppenmitglieds angewiesen, der als einziger Erfahrung im Lesen und Auswerten historischer Quellen mitbrachte. Verständlich, dass die Arbeit nur langsam voran kam.

Die Gruppe begann mit der Auswertung der Brandversicherungsakten aus der Zeit um 1900. Es ließ sich so der Gebäudebestand jener Zeit in Heudorf aufzuzeigen. Da nur die Hofeigentümer in den Brandversicherungsakten aufgeführt waren, nicht aber deren Ehefrauen, wurde parallel dazu auch das Familienregister der katholischen Kirchengemeinde ausgewertet. Ähnlich ging man mit dem Urfamilienregister vor, das zuvor im Kreisarchiv Biberach gesichtet und kopiert wurde.

In Kleinarbeit konnte sich die Gruppe auf diese Weise mit Hilfe verschiedener Quellen Schritt für Schritt in die Vergangenheit der Höfe bzw. zur Gegenwart vorarbeiten.

Ein Motivationsschub

Um Anschauungsmaterial zu gewinnen, sammelten etliche Gruppenmitglieder alte Ansichten von Heudorf bzw. deren Höfe und Häuser. Eine ausführliche Fotodokumentation des aktuellen Bestandes schloss sich an. Im Mai 2001 bereitete die Gruppe anlässlich der Einweihung des Dorfgemeinschaftshauses eine Ausstellung zu einem Teil der Ortsgeschichte vor. Eine ausführliche Hofgeschichte des umgebauten Anwesens, die bildliche Gegenüberstellung von Hofstellen bzw. Häusern früher und heute sowie verschieden Karten waren Mittelpunkt dieser Ausstellung. Die positive Resonanz aus der Dorfbevölkerung war für die meisten ein Motivationsschub für die weitere Arbeit.

Nach und nach wurden ein Großteil der einheimischen Quellen ausgewertet und in Computerdateien erfasst. Zusätzlich untersuchte ein Projektmitglied in vielen Besuchen weitere Quellen des Staatsarchivs Sigmaringen zur Heudorfer Geschichte. Diese Arbeit ist noch nicht abgeschlossen.

Der Arbeitseinsatz der Gruppe verlief auf zwei Ebenen. Ab Dezember 2000 traf sich die Gruppe fast regelmäßig bis auf die Sommermonate einmal pro Woche abends, um gemeinsam Quellen zu untersuchen und Ergebnisse festzuhalten und das weitere Vorgehen zu besprechen. Daneben musste in "Heimarbeit" Quellenmaterial gelesen und ausgewertet bzw. Karten erstellt werden. Auch die Erfassung der Ergebnisse am PC war zeitaufwendig.

VI. Fazit und Ausblick

Die vorliegende Dokumentation möchte allen Interessierten aufzeigen, dass engagierte Bürger auch ohne großen fachlichen Hintergrund in der Lage sind - mit Unterstützung eines wissenschaftlichen Projektleiters - ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen. Das Wissen über die Geschichte der Heimatgemeinde, Einblick zu gewinnen in das kärgliche Leben unserer Vorfahren sowie die Erforschung der eigenen Familiengeschichte sind positive Erfahrungen dieser mehrjährigen Arbeit. Sie sollen Ansporn sein, für andere Gruppen, ähnliches in Angriff zu nehmen bzw. für die Projektgruppe die weiteren Aufgaben zu bewältigen.

Natürlich erhofft sich die Projektgruppe mit ihrer Arbeit auch, dass die Gemeinde, bei zukünftigen Entscheidungen hinsichtlich der Dorfentwicklung die Ergebnisse der Dorfanalyse zugrunde legt und entsprechend berücksichtigt.
Das fernere Ziel der Gruppe besteht in weiteren Auswertungen von Materialien mit dem Ziel, ein Heimatbuch herausgeben zu können. Dies ist eine große Herausforderung für die Projektgruppe, für die noch einiges getan werden muss.