Tagungsbericht

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Tagungsbericht

Wolfgang Wörner bei seinem Vortrag

Dürmentingens Bürgermeister Wolfgang Wörner

Die Tagung im Dorfgemeinschaftshaus von Heudorf begann vor rund 80 Zuhörern um 9 Uhr mit den Begrüßungen der am Projekt beteiligten Partner. Dürmentingens Bürgermeister Wolfgang Wörner zeigte sich erfreut darüber, dass sich trotz vielerlei anderer Aktivitäten Bürgerinnen und Bürger über einen Zeitraum von fast vier Jahren an einer Initiative zur Erforschung von Dorfgeschichte beteiligt haben, zumal anfangs der Umbau des Dorfgemeinschaftshauses auch noch nicht abgeschlossen und mancher auch dort noch aktiv war. Außerdem hob Wolfgang Wörner hervor, dass die Arbeit ja noch nicht beendet sei, sondern in ein paar Jahren in einer noch umfangreicheren Ortsgeschichte in Buchform münden soll.

Der Leiter der Akademie Ländlicher Raum, Dr. Gerhard Faix, unterstrich die Bedeutung sowohl der Dorfanalyse wie auch des Bürgerengagements für die Entwicklung des Ländlichen Raums in Baden-Württemberg. Er verwies auf die Konstanzer Erklärung 2000 "Das Neue Dorf entsteht im Kopf": Zukunft haben Dörfer und Regionen nur dann, wenn sie den Menschen in den Mittelpunkt aller Entwicklungsüberlegungen stellen und gemeinsam mit ihren Bürgerinnen und Bürgern ein unverwechselbares eigenständiges Profil entwickeln.

Martin Blümcke bei seinem Vortrag

Der Vorsitzende des Schwäbischen Heimatbundes, Martin Blümcke

Bürgernahe Dorfentwicklung könne daher nur funktionieren, wenn sie von "innen heraus" komme - d.h. wenn eine Identifikation mit Dorf und Umgebung bestehe und BürgerInnen ihre Interessen einbrächten.

Martin Blümcke, Vorsitzender des Schwäbischen Heimatbundes, betonte in seinem Grußwort, dass das Thema "Dorf" schon seit dessen Gründung im Jahr 1909 zu den zentralen Themen gehöre. Er stellte den Zuhörern noch einmal kurz dar, warum sich der Heimatbund in der "Historischen Dorfanalyse" engagiert: nicht nur, um den stetigen Verfall der alten und für die Regionen unseres Landes typischen Ortsbilder aufzuhalten, sondern mehr noch, um das Dorf als zentralen Ort unserer Landeskultur zu verstehen und zu erhalten.

Die Tagungsbeiträge

Detlev Smons bei seinem Vortrag

Tagungsleiter Prof. Detlev Simons

Nach einer Anmoderation durch den Stuttgarter Architekten und Tagungsleiter Professor Detlev Simons, der mit einführenden Worten und einer kurzen Vorstellung der jeweiligen Referenten durch den Tag führte, eröffnete der Koordinator und Leiter des Heudorfer Projekts, Dr. Bernd Langner vom Schwäbischen Heimatbund, den Reigen der Referate. In seinem kurzen Vortrag führte er die Anwesenden in die Thematik der Tagung ein. Er erinnerte daran, dass der Anstoß für eine planungsbegleitende Analyse der historischen Ortsstrukturen um 1980 aus der Denkmalpflege kam, namentlich aus Baden-Württemberg. Dr. Langner skizzierte kurz verschiedene Ansätze und Umsetzungen in unserem Land sowie in Bayern und betonte in Bezug auf das Heudorfer Projekt die zwei wesentlichen Komponenten - die wissenschaftlich fundierte Arbeit sowie das Bürgerengagement als Identifikationsfaktor - welche sich auch in den weiteren Tagungsbeiträgen widerspiegelten.
(Das Thesenpapier zu den beiden Referaten von Bernd Langner finden Sie in seinem +Vortrag "Historische Dorfanalyse)

Georg Zimmer bei seinem Vortrag

Georg Zimmer, Bau- und Kulturbürgermeister Leutkirch

Der Leutkircher Bau- und Kulturbürgermeister Dipl.-Ing. Georg Zimmer, seit Jahrzehnten in der Entwicklung und Erforschung des Ländlichen Raumes engagiert, hob in seinem Referat die Perspektiven der Historischen Dorfanalyseaus kommunaler Sicht hervor. Dorfentwicklungsprogramme und Aktionen wie "Unser Dorf soll schöner werden" haben zwar zur Bewusstseinsbildung über den Wert von Dörfern beigetragen. Bei den Bemühungen um die Weiterentwicklung der Dörfer stehe meist aber das optische Erscheinungsbild im Vordergrund, ohne dass Kenntnisse über die Entstehung des Dorfes, seiner Struktur und Gestaltungsmerkmale vorhanden sind. Anhand von Beispielen aus Oberschwaben und dem Allgäu unterstrich er den regionalen geschichtlichen Kontext, in welchen Historische Dorfanalysen eingebettet sein müssen, und stellte einige bereits praktizierte Erhebungsmethoden vor.
(Das Thesenpapier zum Referat von Georg Zimmer)

Die Historische Dorfanalyse als Instrument der Denkmalpflege war Gegenstand des Beitrags von Dipl.-Geograph Wolfgang Thiem vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. Da eine solche Dorfanalyse in Baden-Württemberg weder in der Dorfentwicklung noch im Rahmen anderer Projekte instrumentalisiert ist, stellte er ausführlich den Einsatz wissenschaftlicher Untersuchungen über die Bau-, Siedlungs- und Wirtschaftsgeschichte von Orten im Ländlichen Raum anhand des Landes Bayern dar. Dort ist vielerorts der "Denkmalpflegerische Erhebungsbogen" planungsbegleitender Bestandteil von Flurneuordnungsverfahren. Ein wesentlicher Unterschied zum Heudorfer Projekt bestehe aber darin, dass die bayerischen Dorfanalysen knapp und in einem engen methodischen Gerüst durch einen Wissenschaftler angefertigt werden.
(Das Thesenpapier zum Beitrag von Wolfgang Thiem)

Hansjürgen Stiller beim referieren

Regierungsdirektor i.R. Hansjürgen Stiller, Tübingen

Etwas weiter gefasst war das Referat des Tübinger Regierungsdirektors i.R. Hansjürgen Stiller. Er sprach über Ländlichen Raum und Bürgerschaftliches Engagement und stellte anhand von Strukturdaten zunächst die Unterschiede zwischen städtischem Verdichtungsraum und Ländlichen Raum heraus. Nach seiner Ansicht sei davon auszugehen, dass insbesondere auf Grund des enger werdenden finanziellen Spielraums der ländlichen Gemeinden mehr bürgerschaftliche Eigeninitiative und Kooperation nötig wird, weshalb in nahezu allen Gemeinden daran gearbeitet, das kommunale Handeln wirtschaftlich effektiver zu gestalten und stärker am Bedürfnis des Bürgers als Kunden auszurichten. Viele Gemeinden würden daher Möglichkeiten schaffen, um dem Partizipationswunsch der Bürger zu entsprechen. Schließlich skizzierte Hansjürgen Stiller einige Bedingungen für das Bürgerschaftliche Engagement.
(Das Thesenpapier zum Referat von Hansjürgen Stiller)

Zum Abschluss der Vorträge gingen Projektleiter Dr. Bernd Langner sowie die beiden Projektmitglieder Hansjürgen Jäger und Fridolin Mayer konkret auf das Heudorfer Projekt ein und stellten in einer ausführlichen Übersicht anhand von Bildern und Stichworten Projektverlauf, Ergebnis und Ausblick vor. Daneben erfuhren die Zuhörer einiges über das persönliche Interesse, das manche Teilnehmer an der Initiative hatten. Dr. Langner unterstrich, dass eine Historische Dorfanalyse, die unter Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern entsteht, anderen Regeln folge als eine rein wissenschaftliche Bearbeitung. Sie könne auch nicht in ein methodisches Korsett gezwängt werden, weil sich sonst in der Einwohnerschaft keine Motivation entwickeln würde. Die offene Form auf der Grundlage eines "methodischen Leitfadens" biete den Vorteil, dass sich die Bewohner schließlich noch stärker mit der in Jahrhunderten gewachsenen "Persönlichkeit" ihres Dorfes identifizieren als bisher und für deren Erhalt kämpfen. Jetzt - nachdem das Modellprojekt einen Meilenstein erreicht habe - sei es wichtig, dass in der Gemeinde, im Land und bei allen an der Entwicklung des Ländlichen Raumes beteiligten Einrichtungen, aber auch bei Ausbildungsstätten, ein Bewusstsein für die historischen Werte der Dörfer entsteht.

Hansjürgen Jäger trägt vor

Hansjürgen Jäger, Mitglied der Projektgruppe Heudorf

Hansjürgen Jäger, Studienrat an einem beruflichen Gymnasium, machte deutlich, dass die Skepsis in der Bürgerschaft anfangs groß war, auch die Unsicherheit, wohin der Weg schließlich führen würde. Eine allzu enge Methodik hätte ein solches Projekt zweifellos verhindert. Mit den Möglichkeiten, das Interesse an der Dorfanalyse gerade an der Geschichte der Höfe und ihrer Bewohner festzumachen, habe aber am Ende zu einem starken Miteinander und zum Erfolg geführt. Auch die Präsentation vieler Forschungsergebnisse in Form zweier Ausstellungen habe die Motivation sehr gefördert.
Fridolin Mayer, Malermeister aus Erolzheim und gebürtiger Heudorfer, berichtete den Zuhörern in einem sehr persönlichen Vortrag von seiner Motivation, an dem Projekt teilzunehmen. Wie für andere auch, bei ihm als 'Emigranten' aber sicher intensiver, eröffnete ihm die Dorfanalyse Heudorf die Möglichkeit, wieder einen engeren Bezug zu seiner Heimat zu finden und damit auch die eigenen Wurzeln besser zu verstehen.
(Das Thesenpapier zum Referat von Bernd Langner und Hansjürgen Jäger)

Ortsrundgang

Die Tagungsgruppe in Heudorf

Die Tagungsteilnehmer beim Ortsrundgang, geführt von Dr. Bernd Langner, vor dem spätmittelalterlichen Torhaus

Nach einem gemeinsamen Mittagessen im Dorfgemeinschaftshaus fand ein interessanter und unterhaltsamer, knapp einstündiger Rundgang durch das Dorf statt. Die Tagungsteilnehmer nutzten die Gelegenheit, die Besonderheiten eines auf den ersten Blick eher unspektakulären Ortsbildes kennen zu lernen. Dr. Bernd Langner zeigte, an welchen Stellen das historische Dorf strukturell, aber auch substanziell noch erkennbar ist, und an welchen Stellen es starke Veränderungen durch Abbrüche, Baulücken oder wenig angepasste Neubauten gegeben hat.

Als besonders interessante und stark ortsbildprägende Phänomene hob er unter anderem die Pfründnerhäuser (Altenteile) hervor, die zahlreichen Hausgärten, sodann den historischen Ortskern mit ehemaligem Amtshaus, Torhaus, Straßenkreuzung und (abgegangenem) Pfarrhaus oder etwa den vom Dorf etwas abgesetzten Weiler 'Zinken' mit dem ehemaligen Hirtenhaus. Auch die großen Bauvolumen seien wesentlich für das historische Ortsbild Heudorfs, wenngleich interessanterweise anstelle des für die Region typischen Einhauses hier das offene Gehöft vorherrsche. Den Abschluss fand die Führung im Heudorfer Schloss mit der barocken St.-Oswald-Kirche.

Eröffnung der Ausstellung "Heudorf einst und jetzt"

Gruppenbild der Projektpartner vor den Ausstellungstafeln

Übergabe von Bericht und Dorfanalyse an die Projektpartner. Von links: Ortsvorsther Anton Holstein, Bürgermeister Wolfgang Wörner, SHB-Vorsitzender Martin Blümcke, sodann die Projektgruppe und zuletzt Dr. Gerhard Faix von der Akademie Ländlicher Raum, Tagungsleiter Prof. Detlev Simons sowie Richard Norz vom Regierungspräsidium Tübingen.

Von den Tagungsteilnehmern bereits am Vormittag bewundert, wurde die Ausstellung am Nachmittag offiziell eröffnet. Begleitet wurde dies durch die feierliche Übergabe der Historischen Dorfanalyse Heudorf, eines 250 Seiten starken Projektberichts, an die Gemeinde, den Heimatbund, die Akademie Ländlicher Raum sowie das Regierungspräsidium Tübingen. Bürgermeister Wörner hob noch einmal die Bedeutung des Bürgerschaftlichen Engagements hervor und überreichte jedem Projektmitglied einen von Ilse Wolf handbemalten Dachziegel mit einem Landmädchen: der weiblichen, historischen 'Dorf-Annalüse'.

Die Ausstellung selbst zeigte insbesondere eine Gegenüberstellung historischer und aktueller Fotografien und Ansichten, welche die Veränderungen im Dorf deutlich, manches Mal auch schmerzlich vor Augen führten. Luftbilder, zahlreiche historische Karten zur wirtschaftlichen, sozialen und baulichen Entwicklung Heudorfs, Tabellen und Übersichten, eine exemplarische Hofgeschichte sowie manches Akten-Original rundeten eine sehenswerte Präsentation ab, die über Heudorf hinaus Schule machen könnte.

Mit Pressegesprächen und zahlreichen Informationen durch die Projektmitglieder an die Besucher ging am Nachmittag die Tagung zu Ende.