Die Arbeit geht nach 100 Jahren nicht aus - Mitgliederversammlung 2009 der Ortsgruppe Tübingen
Ganz im Zeichen des hundertjährigen Vereinsjubiläums stand die Mitgliederversammlung der Ortsgruppe Tübingen Ende März 2009, ging doch ein wichtiger Impuls für die Gründung des Vereins von der Universitätsstadt aus.
Am 12. März 1909 wurde in Stuttgart der Bund für Heimatschutz in Württemberg (ab 1949 Schwäbischer Heimatbund) gegründet. Zu den ersten Vorstandsmitgliedern gehörten die beiden Tübinger Professoren Fuchs und Lange. Mit veranlasst wurde die Vereinsgründung durch den Tübinger Alleenstreit, weil durch den geplanten Bau der Ammertalbahn zum ersten Mal in die Tübinger Alleenlandschaft eingegriffen, die damals 400 Jahre alte Lindenallee Herzog Ulrichs durchquert und für den Mittleren Wörth mit der Platanenallee ein Gewerbegebiet geplant wurde. Auch die Neckarkorrektion mit ihren Auswirkungen für das Tübinger Stadtbild und die Grünanlagen ging in die engere Planung. Seit dieser Zeit gab es auch eine Ortsgruppe des Schwäbischen Heimatbunds in Tübingen.
Im Anschluss an die Mitgliederversammlung berichtete Prof. Dr. Wilfried Setzler, stellvertretender Vorsitzender des SHB, über die nunmehr 100-jährige Vereinsgeschichte. Danach erinnerte Frau Ursula Zöllner, langjährige Vorsitzende der Ortsgruppe, spannend und kurzweilig über die Erfolge und Misserfolge in den Jahren seit der Wiederbelebung der Ortsgruppe durch den damaligen Regierungspräsidenten Birn in den siebziger Jahren.
Auch das vergangene Jahr war ein gutes für die Tübinger Mitglieder, wie deren Vorsitzender Frieder Miller zufrieden berichtete: Auf dem Stadtfriedhof konnten mehrere bedeutende Grabdenkmale restauriert werden, zum Beispiel die Trauernde auf dem Grab von Prof. Bernhard Kugler. Zwei Mäzene aus der Ortsgruppe haben die aufwändige Wiederherstellung dieses bedeutenden Denkmals ermöglicht. Auch das Schlossportal ist fertig geworden, dessen Sanierung auf eine Initiative des Heimatbunds zurückgeht. Im Schönbuch wurde das Widenmannsdenkmal, ein bedeutendes Kleindenkmal, gesichert und restauriert. Außerdem erhielt der Naturpark Schönbuch e.V., der nach den Vorgaben des landesweiten Projekts des SHB sämtliche Kleindenkmale im Schönbuch erfasst, dokumentiert und in einer Datenbank gespeichert hat, einen Sonderpreis Kleindenkmale im Rahmen des Kulturlandschaftspreises 2008 des Schwäbischen Heimatbunds. Auch beim Denkmalschutzpreis 2008 kommt einer der Preisträger aus Tübingen: Familie Gumrich erhält die landesweit wichtigste Auszeichnung für private Denkmaleigentümer für die vorbildliche Restaurierung des Nonnenhauses.
Haus Club Voltaire retten
Der Verein Haaggasse 26b hat mit großem finanziellem und ehrenamtlichem Engagement (u.a. rund 4.000 freiwillige Arbeitsstunden!) und mit finanzieller Hilfe der Ortsgruppe das Haus des Club Voltaire vor dem Einstürzen bewahrt und denkmalgerecht so ausgebaut, dass es als kultureller Veranstaltungsort wieder bespielt werden kann. Nun reichen die Mittel des Vereins aber nicht aus, um das Gebäude - eines der ältesten Bürgerhäuser der Unterstadt - innen und außen fertig zu restaurieren und technisch für einen Veranstaltungsraum zu ertüchtigen. Die Ortsgruppe des Schwäbischen Heimatbunds beabsichtigt daher, vorausgesetzt die Finanzierung klappt, zum Jubiläumsjahr als Geschenk für die Stadt und die ganze Bevölkerung aus Mitteln der Erbschaft von Dr. Peter Helge Fischer das Haus Haaggasse 26b zu erwerben, denkmalgerecht zu sanieren und auszubauen, um es anschließend wieder dem Club Voltaire als Hauptmieter zu übergeben. Die künftige soziokulturelle Nutzung wurde bereits mit dem Club und seinen bisherigen Mitveranstaltern konzipiert, da davon auch der Umfang des Ausbaus abhängt.
Zum Jubiläumsjahr fördert der SHB - ebenfalls aus Mitteln der Erbschaft Fischer - die Wiederherstellung der Aussichtsterrasse am Lichtenberger Weg. Die Stadtbaubetriebe haben die notwendigen Rodungsarbeiten bereits durchgeführt. Hier soll unter anderem die einst vorhandene Pergola wiedererstehen.
Großen Unmut erregten in der gut besuchten Mitgliederversammlung die Campus-Pläne der Universität. Nach den Entwürfen des 1. Preisträgers im städtebaulichen Wettbewerb sollen 11 von 21 sich im Planungsbereich befindliche und im Denkmalverzeichnis eingetragene Kulturdenkmale ganz oder zum Teil abgerissen werden. Darunter befinden sich mehrere heute noch im Privateigentum stehende Anwesen und - was bislang noch nicht in der Presse Erwähnung gefunden hat - wesentliche Bauten im Altklinikumsbereich. Auch prägende Universitätsgebäude wie der Hegelbau, die nicht unter Denkmalschutz stehen, sind zum Abriss vorgesehen. Die Nichtbeteiligung der Denkmalschutzbehörde am gesamten Wettbewerbsverfahren und die zur Disposition gestellte historische Bausubstanz in diesem Bereich empfindet der SHB skandalös.
Frieder Miller
