100. Geburtstag des Heimatbunds - Stimmungsvoller Festakt im Stuttgarter Neuen Schloss
Genau 100 Jahre und zwei Tage nach der Gründung des Vereins am 12. März 1909 feierte der Schwäbische Heimatbund gemeinsam mit 500 illustren Gästen aus Politik und Gesellschaft im Weißen Saal des Stuttgarter Neuen Schlosses, der guten Stube des Landes, seinen Jahrhundert- Geburtstag. Dazu gratulierten Landwirtschaftsminister Peter Hauk, Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und die Präsidentin des Dachverbands der deutschen Heimat- und Bürgervereine, Herlind Gundelach.

Namhafte Gäste aus Politik und Gesellschaft sowie zahlreiche Mitglieder beim Festakt zum Jubiläum.
Altbundespräsident Roman Herzog rückte in seinem facettenreich- launigen und nachdenklich-philosophischen Festvortrag zum Thema Heimat im 21. Jahrhundert die Sehnsucht der Gegenwartsmenschen nach dem Vertrauten im Strom der Veränderung ins Blickfeld der Geburtstagsgesellschaft. Und er ermunterte dazu, sich bei der Standortbestimmung in einer globalisierten Welt getrost an eine Redensart aus seiner niederbayrischen Heimat zu halten: Wer sich weit aus dem Fenster hinaushängen will, muss sehen, dass er hinten einen festen Halt hat.

Roman Herzog mit Frau und Herrn Griesinger.
Zur Einstimmung der Gäste auf das gehaltvolle Programm des Festakts erinnerte der Vorsitzende des Heimatbunds, Fritz-Eberhard Griesinger, an markante Stationen der Vereinsgeschichte und scheute sich nicht, die auch für den Heimatbund alles andere als ruhmvollen Jahre unter der nationalsozialistischen Diktatur zu bewerten. Der Verein, so Griesinger, ist die Geschichte des 20. Jahrhunderts mitgegangen und war in Teilen auch darin verstrickt. Gerade die ursprünglich so positiv offen angegangene Zielsetzung der Mitgestaltung eines sich deutlich wirtschaftlich entwickelnden Landes, das seine natürlichen und kulturellen Grundlagen einbringen und bewahren wollte, formte sich nach dem Ersten Weltkrieg in eine Abwehrhaltung gegen Fremdes um und wirkte am Aufkommen des völkischen und nationalen Gedankenguts mit. Dass Vieles in den Jahren an Befruchtung von außen gekommen war, wurde in der Zeit verdrängt, die NS-Ideologie brachte in den Schriften und Köpfen auch mancher unserer Mitglieder höchst bedenkliche und für uns heute entschieden abzulehnende Überlegungen und Folgerungen zustande. Wir müssen das heute betroffen zur Kenntnis nehmen, können aber die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Umso mehr gelte es heute und auch in Zukunft, die Kultur der Offenheit zu pflegen.
Die Bedeutung des Schutzgedankens im Naturschutz und Denkmalschutz nimmt zu im Land, stellte Griesinger fest, heute geht der Blick nach vorne mit der Frage, auf welche Veränderungen sich der Verein künftig einstellen muss. Das Ziel aus den Anfängen der Gründung, nämlich Erhalten, Bewahren und Entwickeln für die Zukunft, steht unverändert. Württemberg hat in seiner kulturellen Geschichte viel von außen gewonnen, daraus leitet sich die Verpflichtung ab, auch künftig offen zu bleiben. Wir betonen die Fundamente unserer Vereinsziele: die Erhaltung der Ökologie im Handeln und der ökonomische Umgang mit endlichen Ressourcen. Heimat hat viele Facetten. Sie ist mit den Veränderungen der Gesellschaft auch unterschiedlicher Sicht unterworfen, sie kann real oder emotional gesehen werden. Es ist legitim, sich innerhalb einer global agierenden Gesellschaft liebevoll der Geschichte und der Landeskultur einer engeren Heimat zuzuwenden und damit auch die regionale Identität zu stärken. So sind unseren Mitgliedern die Werte der überkommenen Baukunst wichtig, sowohl in ihrer kunstgeschichtlichen Bedeutung wie als Ausdruck der regionalen Geschichte. Wichtig sind auch die Formen der Kulturlandschaft, die aus früherer Landnutzung entstanden sind und damit nicht nur für den Naturschutz, sondern auch als Kulturdenkmal von Bedeutung. Das Grundwissen über Heimat wird in den Schulen kaum mehr angeboten, deshalb ist es wichtiges Ziel des Heimatbunds, Heimat- Informationen zu vermitteln, damit diese als integrative Faktoren wirken können.
Bei diesem gesellschaftspolitischen Engagement des Vereins darf der Heimatbund auf wertvolle Unterstützung durch treue Helfer, Mitstreiter, Mäzene und Sponsoren zählen. Die Sparkassenstiftung Umweltschutz, die L-Bank, die Wüstenrot- Stiftung, die Umweltstiftung Stuttgarter Hofbräu und die Württembergische Weingärtner-Zentralgenossenschaft bewähren sich teils seit Langem, teils seit Kurzem als hochgeschätzte Partner und ergänzen die in ehrenamtlichen Aktivitäten erprobten Vereinsmitglieder.

Peter Hauk MdL, Minister für Ernährung und Ländlichen Raum
Als Gratulant der baden-württembergischen Landesregierung gab Peter Hauk, Minister für Ernährung und Ländlichen Raum, dem Schwäbischen Heimatbund die Ehre und wertete es als untrügliches Zeichen für das Zusammenwachsen der beiden Landesteile Baden und Württemberg, dass er als gebürtiger Badener beim großartigen Jubiläum des erz-württembergischen Vereins willkommen sei. Ohne Heimat sein, heißt leiden, zitierte der Minister zum Auftakt seiner Ansprache den russischen Dichter Dostojewski und stellte dieser Einsicht eine Sentenz des welterfahrenen preußischen Romanciers Theodor Fontane zur Seite: Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen. Dass Heimat ein Seelenbedürfnis des Menschen sei, betonte Peter Hauk mit Nachdruck und folgerte, dass nur, wer Heimat hat, auch zur Weltoffenheit fähig ist. Gerade auch für den wirtschaftlichen Erfolg im deutschen Südwesten sei die traditionelle Kombination von Heimatverbundenheit und Weltoffenheit bis heute von entscheidender Bedeutung. Die Kulturlandschaften, so Minister Hauk weiter, stiften Identität. Aber sie sind und waren schon immer einem Wandel, einer Dynamik unterworfen, und deshalb reicht das schiere Bewahren nicht aus, sondern es geht immer auch um das Weiterentwickeln. Ein Wandel, eine Dynamik, die sich umso schneller vollzieht, je weniger sich Nutzungsformen heute noch ökonomisch rentieren. Dennoch gelte es, auch historische Landschaftsbilder, die nicht durch ökonomische Rentabilität gesichert sind, zumindest in Relikten zu schützen und zu erhalten.
Als ein besonders eindrucksvolles Beispiel der Naturschutz-Aktivitäten des Schwäbischen Heimatbunds wertete Hauk das Projekt Pfrunger-Burgweiler Ried. Das oberschwäbische Ried ist die zweitgrößte zusammenhängende Moorlandschaft des Landes, für deren Bewahrung sich der Verein seit Jahren mit bedeutendem Engagement einsetzt. Und als Geburtstagsgeschenk der Landesregierung zum Heimatbund-Jubiläum konnte der Minister ankündigen, dass aus dem zur Finanz- und Wirtschaftskrise vom Bund aufgelegten Konjunkturprogramm vom Land ein Förderbetrag an den Schwäbischen Heimatbund weitergereicht wird, der den Bau des neuen Naturschutzzentrums beim Ried ermöglichen wird. Damit bekräftigte Hauk so überzeugend wie nachhaltig, wie sehr die Landesregierung den Heimatbund als unverzichtbaren Partner beim Erhalt und bei der Entwicklung unserer Landschaft schätzt.

Stuttgarts Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster
Als eine Stadt, die allen, die in ihr leben, Heimat sein kann und will, charakterisierte der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster in seinem Grußwort zum Jubiläumsfest die Landeshauptstadt. Das Zukunftsmodell für die Lebensstile der Menschen, so Schuster weiter, ist nicht das moderne Nomadentum, denn jeder hat Sehnsucht nach Verwurzelung, nach Heimat. Doch nicht nur die kulturelle Offenheit, auch die Nähe zu Naturräumen sei entscheidend für die Lebensqualität einer Großstadt. Und gerade in dieser Hinsicht sei die Schwaben-Metropole von einzigartiger Attraktivität. 39 Prozent der Gesamtfläche der Stadt stehen heute unter Natur- und Landschaftsschutz, damit hat diese Stadt im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten den höchsten Anteil an geschützten Flächen. Als eine einzigartige Chance, der Stadt weitere Naturflächen zurückzugeben, pries Schuster das Projekt Stuttgart 21.

Dr. Herlind Gundelach, Präsidentin des Bundes Heimat und Umwelt in Deutschland und Hamburger Wissenschaftssenatorin
Die vielfältige Kompetenz des Schwäbischen Heimatbunds beim Denkmalschutz und beim Naturschutz würdigte in ihrem Geburtstags-Grußwort die Präsidentin des Bundes Heimat und Umwelt in Deutschland, die Hamburger Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach. Die aus Aalen gebürtige Politikerin, die die hanseatische Alltagskultur auch durch ihre anhaltende Begeisterung für schwäbische Kochkunst bereichert, schätzt den Schwäbischen Heimatbund als wichtigen Partner bei der Lobby-Arbeit des Dachverbands der Bürger- und Heimatvereine in Deutschland.

Altbundespräsident Prof. Roman Herzog
Von meinen acht Großeltern waren drei Schwaben, und wenn ich an meinen Umgang mit dem Geld denke, müssen die ziemlich dominante Eigenschaften in mich hineinvererbt haben. Mit diesem launigen Hinweis auf den schwäbischen Anteil an seinem genetischen Erbteil stimmte Altbundespräsident Roman Herzog das Auditorium auf seinen Festvortrag zum Thema Heimat im 21. Jahrhundert ein. Aus betont persönlicher Perspektive und vor dem Hintergrund der Lebenserfahrung eines 75-Jährigen ermunterte Roman Herzog dazu, beim Nachdenken über die Inhalte und Hintergründe des Begriffs Heimat auch den stetigen Bedeutungswandel ins Auge zu fassen, dem dieser Begriff unterworfen sei. Wir sollten uns nichts vormachen, so Herzog, wenn sich alles ändert, dann ändert sich natürlich auch die Heimat. Wobei die Menschen gerade in einer Zeit der unablässigen, unvorhersehbaren und weithin auch unabschätzbaren Veränderungen geneigt seien, sich am Überschaubaren und Verstehbaren, am Vertrauten zu orientieren. Und eben auch an den Werten, die das Leben in der Familie, in einem Verein, im Freundeskreis, in der Clique oder in der Gemeinde bestimmt. Auch Bilder der Erinnerung aber evozierten das Gefühl von und für Heimat, das Heimat-Bewusstsein. Damals, blätterte Herzog in seinem Kindheits-Bilderbuch, war es noch möglich, durch auf Haupteshöhe emporgewachsene Getreidefelder zu gehen und in genau dieser Höhe über sie hinzuschauen und dann zu sehen, wie der Wind durchgeht... Es war ein unglaublicher Eindruck, der für mich unter der Überschrift "Heimat" ganz unheimlich wichtig war. Das gibt es heute nicht mehr (...), und es ist sinnlos, das meinen Söhnen oder gar meinen Enkeln erklären zu wollen.
Doch nicht nur die Landschaft, auch die Städte haben während Herzogs Lebenszeit ihre Wiedererkennbarkeit großenteils verloren. Doch nicht nur die Aktivitäten der Menschen verändern den Blick auf die Heimat. Je älter die Menschen werden, je mehr Lebenszeit sie überschauen, desto vielschichtiger überlagern sich die Bilder der Heimat. So sei selbst das Vertraute dem unablässigen Wandel unterworfen. Und so bleibe ich dabei, summierte Herzog seine Gedanken, dass die Menschheit, die in dieser Entwicklung ist, die in dieser rasanten und wirklich totalen Entwicklung ist, die braucht, weil sie sich weit zum Fenster hinauslehnt, einen starken Halt in der hinteren Hälfte. Und im Kern ist das die Heimat. Deswegen ist die Aufgabe, Heimat zu erhalten, nicht nur eine Aufgabe gegenüber den Gegenständen, sondern eigentlich auch gegenüber den Menschen.

Der SHB-Vorsitzende Fritz-Eberhard Griesinger dankt den jungen Musikern Ada Aria und Ead Anner Rückschloß.
Freudig bewegt konnte Heimatbund-Vorsitzender Fritz-Eberhard Griesinger nach der Rede des Altbundespräsidenten ihm und allen anderen, die zum Vereinsjubiläum das Wort ergriffen hatten, danken. Ein nicht minder herzliches Dankeschön gab's auch für die beiden jungen Musiker, die den Festakt mit ihrer Kunst stimmungsvoll umrahmt hatten. Die Geschwister Ada Aria und Ead Anner Rückschloß durften sich nicht nur über den begeisterten Beifall des Publikums freuen, sondern auch über ein Geschenk aus der Hand des Gastgebers. Und zum geselligen Ausklang des Geburtstagsfests versammelten sich die frohgestimmten Gäste beim Jubiläums-Stehempfang im würdigen Ambiente des Stuttgarter Neuen Schlosses.
Helmut Engisch
